Taqwacore.

Taqwacore: The Birth of Punk Islam

The Kominas sind Meister der Punk-Satire. Der Dokumentarfilm Taqwacore: The Birth of Punk Islam verfolgt die Band auf ihrer Tournee durch die USA und nach Pakistan. Mit dabei ist der amerikanische Konvertit und Kult-Schriftsteller Michael Muhammad Knight.

Meine persönliche Geschichte mit dem Phänomen «Taqwacore» begann im Mai 2009. Ich traf die Gruppe The Kominas in Boston in einem schmierigen Diner. Wir tranken Bier, assen Käse-Fritten und redeten darüber, wie die US-amerikanischen Medien alles für sich vereinnahmt hatten, was sie auch nur annähernd mit der Taqwacore-Bewegung assoziierten.

The Kominas spielen eine wichtige Rolle in einem losen Musikernetzwerk, das sich selber den Namen «taqwacore» gegeben hat. «Taqwa», ein arabischer Begriff aus dem Koran, kann mit «Frömmigkeit» übersetzt werden. Implizit gemeint ist die Liebe und Ehrfurcht vor dem Göttlichen. «Core» bezieht sich auf die Wurzeln dieser Szene im Punk. «Core» betont zudem die Do-it-Yourself-Ideologie, die für diese Hardcore-Musik so zentral ist. Michael Muhammad Knight, ein weisser US-amerikanischer Konvertit, hat den Begriff «taqwacore» in einem seiner Romane erschaffen. The Taqwacores handelt von einer fiktiven Gruppe muslimischer Punk-Rocker, die zusammen in einer WG in Buffalo, New York wohnen. Via E-Mail kontaktierte Knight unterschiedliche Punkrocker mit muslimischem Background in Nordamerika. So entstand rund um sein Buch allmählich ein Netzwerk von Freunden, Künstlern, Bloggern, Filmemachern und anderen Enthusiasten.

Taqwacore.

Die Presse legt zuviel Gewicht auf die Tatsache, dass alle Bandmitglieder von The Kominas Muslime sind: So jedenfalls empfinden wir das, im Diner in Boston. Dieser Islam-Fokus überdeckt alles andere, alles nicht-islamische an der Band: die Musik und die Bildsprache zum Beispiel. Manchmal werden die Songtexte der Kominas aus dem Zusammenhang gerissen. Es werden die radikal klingenden Sätze genommen, die ironischen und parodistischen Brechungen hingegen werden ignoriert. Die witzigen Anti-Status-Quo-Provokationen der Band werden so falsch gedeutet. Und plötzlich wird die Band in die Nähe von islamistischen Terroristen gesetzt – den Staatsfeinden Nummer 1 in den USA. Immerhin haben die liberalen Medien die Band jetzt aber als gute amerikanisch-muslimische Alternative zu den “bombigen Terroristen” entdeckt.

Taqwacore.

The Kominas sind Meister der Punk-Satire. Sie fordern das Establishment heraus und nehmen sich wichtiger Themen an: Etwa ihre eigenen Erfahrungen in den Post-9/11-USA, oder dem älteren zivilisationsgeschichtlichen und orientalistischen Diskurs, der die Welt in «muslimisch» versus «westlich» teilt. Musikalisch experimentieren The Kominas mit einem Mix aus frühem britischen Punk, Bollywood-Klassikern aus den 60ern, und Popsongs aus dem Punjab.

Omar Majeed’s Dokumentarfilm Taqwacore: The Birth of Punk Islam ist im Sommer 2007 gefilmt. Konvertit Muhammad Knight tourt zusammen mit The Kominas und vier weiteren Bands aus den USA und Kanada durch Nordamerika. Der Film folgt Knights ursprünglicher Fiktion eines Punk-inspirierten radikalen Islam und lenkt den Blick dann auf die Wirklichkeit: die persönlichen Lebensgeschichten einiger Protagonisten der erwachenden taqwacore-Szene. Filmer Majeed begleitet Shahjehan Khan und Basim Usmani von den The Kominas dann auf ihrer Reise in die pakistanische Stadt Lahore. Dort wollen die beiden eine Punk-Szene gründen. Majeeds Film fokussiert mehr auf die intellektuellen Fragen, die zu einem Bruch zwischen Punk und Islam führen. Themen wie musikalische Innovation, ethnische Dynamiken und die Art und Weise, wie die Medien das Phänomen taqwacore abbilden, bleiben im Hintergrund.

Was unter dem Namen Begriff «taqwacore» letztlich geschieht, ist eine Art der Interpretation des Islam. Es geht auch um Fragen der Menschlichkeit rund um den Islam. Und es geht um Neu-Interpretationen des Lebens in einer Zeit, in der wir medial bombardiert werden mit Ideologien, Bildern, Sounds, Subkulturen und Spiritualität. Das Phänomen taqwacore widersteht jedoch diskursiven Vereinfachungen und Verflachungen. Taqwacore ist keine Religion. Es ist nicht einmal eine Alternative zum “Islam”. Taqwacore ist ein kultureller Raum für alternative Interpretationen, Praktiken, Identitäten und Beziehungen zu, über und mit dem Islam.

The Taqwacores.
Blue-Eyed Devil.
Taqwacore.
Taqwacore.

Published on December 19, 2010

Last updated on January 16, 2020

Biography

Wendy Hsu is a researcher, strategist, and educator who engages with hybrid research and organizing agendas for equality in arts, technology, and civic participation. A former ACLS Public Fellow, Hsu currently works as the digital strategist of the City of Los Angeles Department of Cultural Affairs, providing research and strategy to redesign the department’s data and knowledge architecture. Hsu has served on the advisory committee for Cultural Research Network and the Society of Ethnomusicology Council.

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