Filmstill: Stahlberger (Musik), Jovica Radisavljevic (Video): «Du verwachsch wieder nume i dinere Wonig» (Schweiz 2014)

Gefangen in der Schweiz

In seinem Videokommentar zu «Du verwachsch wieder nume i dinere Wonig» der Schweizer Mundart Philosophen Stahlberger ergründet unser Autor das im Musikvideo inszenierte psychologische Therapiegespräch und erkennt es als ein «Psychogramm einer in sich selbst vereinsamten Schweiz». Aus dem Norient Buch Seismographic Sounds (hier bestellbar).

Der Literaturprofessor Peter von Matt hat es die «Schweizer Existenzformel» genannt: das Motiv von «Auszug und Heimkehr», von dem so viele Erzählungen in diesem Land handeln. Mal materialisierte sich die Formel zu einem wortlosen Singsang, wie im Rugguserli, einem Appenzeller Naturjodel, der von den Schweizer Söldnern in Frankreich aus Heimweh gesungen wurde. Manchmal wurde sie zu einem Roman, wie im Schreiben von Autoren wie Robert Walser oder Max Frisch. Und immer wieder wurde die Existenzformel in Popsongs gegossen. So im vermutlich ergreifendsten Lied, das je in der Schweizer Mundart getextet worden ist: «Es isch, als gäbs mich nümme meh» («Es ist, als gäbe es mich nicht mehr»), sangen Taxi in «Campari Soda» (1977). Das Lied erzählt vom mulmigen und wohligen Gefühl, das sich einstellt, wenn man mit der Heimat auch einen Teil von sich selbst zurücklässt und sich die Identität auflöst wie der Eiswürfel im Drink. Nicht zufällig erfasste es den Sänger in einem Flugzeug: In «D’Rosmarie und I» (Rumpelstilz, 1976), «Bümpliz-Casablanca» (Züri West, 1989) und «Bälpmoos» (Patent Ochsner, 1991) variierten andere Mundarthits das Dilemma, die Schweiz verlassen zu wollen, um dann doch nicht wegzukönnen.

Es waren schliesslich zwei Lieder von Gölä («Uf u dervo», 1998) und Adi Stern («Amerika», 2010), die es jedem Mundartsänger verunmöglichten, die Existenzformel weiter zu besingen: Gölä verliess das Land, um seinem Selbstbild treu zu bleiben, und Adi Stern phantasierte sich Amerika so, als handle es sich um ein Wohnviertel im Schweizer Mittelland. Wo der Aufbruch in die Welt nur dazu dient, sich selbst zu begegnen, sind weder Auszug noch Heimkehr möglich.

Wenn Identität nicht mehr verhandelbar ist

Die Augen sind zu- und die Beine zusammengewachsen, wie es in «Du verwachsch wieder nume i dinere Wonig» («Du erwachst wieder nur in deiner Wohnung», 2014) von Stahlberger heisst. Regisseur Jovica inszeniert das Lied im Videoclip folgerichtig als psychologisches Therapiegespräch; der Sänger rekapituliert eine klaustrophobische Szenerie, aus der ein Pfeil den Ausweg anzuzeigen scheint. Doch in jedem Refrain erwacht er wieder nur in seiner Wohnung. Ja, die Therapie wiederholt den Albtraum nur – die Tiere auf der Tapete beginnen zu leben. Der Sänger ist gefangen. Sein Land und er, sie sind eins, es gibt keinen Auszug und keine Heimkehr. Und jedes Mal, wenn der Sängerpatient erwacht, scheint vor dem einen Fenster die Sonne, und vor dem anderen regnet es. Wenn Identität nicht mehr verhandelbar ist, ist auch das ein mulmiges und wohliges Gefühl. Das Lied ist das Psychogramm einer in sich selbst vereinsamten Schweiz.

 

«You Just Wake Up in Your Apartment Again»

Songtext Translation by Enrico Kampmann

There’s a quiet buzzing sound to be heard coming from the ceiling
The ceiling is a giant spiderweb of neon tubes
You are standing in the middle of an endless room
Or on the side—I have no clue—and then you see something flickering
In the distance, you walk towards it and start to notice
It’s a neon tube that’s about to go out
It looks like an arrow, you walk in the direction it is pointing
You walk and walk and walk and walk an eternity

And then you just wake up in your apartment again
It’s raining in front of one window and sunny in front of the other

You never really knew your grandfather
First you were too little, and later there were worlds between you
And now he’s standing in the door and sits down at your table
And tells you about what’s going on outside and all that is important
You listen and make him tea and you keep getting smaller
He says: where are your wings and he looks through all the rooms
And then you go outside and drive, with a John Deere,
through the Christmas party of a fire department

And then you just wake up in your apartment again
It’s raining in front of one window and the sun is shining in front of the other

And in the plaster on the wall you see faces and shapes
Animals eat people eat animals and over again
Your eyes grow shut and your legs grow together
You forget their faces and you forget their names

And then you just wake up in your apartment again
It’s raining in front of one window and sunny in front of the other

Dieser Text wurde zuerst publiziert im zweiten Norient Buch «Seismographic Sounds».

Published on June 26, 2017

Last updated on April 06, 2020

Biography

Christoph Fellmann (* 1970), lebt in Luzern, arbeitet in einem Teilzeitpensum als Musikredaktor beim Tages Anzeiger in Zürich. Daneben arbeitet er als freier Journalist und Texter.
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