RiP: A Remix Manifesto

Ein Manifest für die Copyleft-Kultur, ein spielerischer Umgang mit Copyrights, propagiert dieser Dokumentarfilm auf polemische, humorvolle Weise.

Eine unverschämte, dreiste Musik ist es, die Greg Gillis aus tausendundeinem Pogeschichts-Soundschnipsel zusammenbastelt. Sekunden aus den Werken von Queen, Bon Jovi, den Jackson 5, Beyoncé, allerlei Rapstars und Indie-Grössen blitzen manipuliert auf, verschwinden wieder und weiter geht die Reise durch die irrwitzigen Tracks des 27-jährigen aus Pittsburgh. Der geht tagsüber seiner Arbeit als Labortechniker nach, verwandelt sich des Nachts in den grösstmöglichen Pop-Enthusiasten namens Girl Talk und versetzt die jugendliche Partymeute in Ekstase.

Allein, diese glückseligen, euphorischen, virtuos geschnittenen und vor allem originellen Mash-Ups dürften aus copyrighttechnischen Gründen gar nicht existieren, es sei denn, für jedes der unzähligen Samples würden die Rechte eingeholt. Die Rechnung für ein Girl-Talk-Album wie zuletzt das famose Feed The Animals beliefe sich auf läppische 4,2 Millionen Dollar.

Die illegale und doch populäre Kunst von Girl Talk ist Ausgangspunkt des filmischen Pamphlets RiP! A Remix Manifesto. Der kanadische Regisseur und Internet-Aktivist Brett Gaylor polemisiert das Urheberrecht und attackiert die Praktiken von Grosskonzernen, die den Grossteil der Musiken und Patente dieser Welt kontrollieren. Denn der kreative Umgang mit geistigem Eigentum in Zeiten des Internets sei kein krimineller Akt, so das Hauptpostulat von Gaylor, basiere Kultur doch immer auf Zitaten und Bruchstücken aus der Vergangenheit.

Ein früher Remix-Virtuose war seinerzeit Walt Disney: Seine Mickey Mouse imitierte Buster Keaton, Märchen wurden in die Gegenwart transformiert, Stummfilmklassiker in Trickfilm überführt. Die Ironie der Geschichte: Konzerne wie Disney sind es, die ihre Werke rigoros schützen, jegliches Zitieren mit Prozessandrohungen untersagen und in den USA bewirkten, dass das Urheberrechtsgesetz wesentlich verschärft wurde. Das Erbe der Kultur landet durch diese Machtfülle im Tresor, einem Tresor, den Gaylor und Gleichgesinnte wie der Creative-Commons-Erfinder und «coolste Anwalt der Welt» Lawrence Lessig knacken wollen.

Das «Remix-Manifesto» deklariert die Anliegen der Copyleft-Fraktion und zeigt auf, wie sich der Autorenbegriff in Downloadzeiten verändert hat –und wie urheberrechtlich geschütztes Material dennoch in einen Film eingeschleust werden kann. Dann nämlich, wenn dieses zur Argumentation gebraucht wird, gleich der Zitierweise in einer wissenschaftlichen Arbeit. Irgendwann ist dieser «Fair Use» im Film dann aufgebraucht, und statt den aufputschenden Klängen einer fiebrigen Girl-Talk-Show ist ein ungeschütztes Klavierstück zu vernehmen, ehe der Film zum Schluss nach Brasilien zieht: Das Land erscheint als idealisiertes Anderland, das die Open-Source-Kultur zum Prinzip erhebt und durch die Umschreibung von Medizin-Patenten billigere Medikamente anbieten kann. So kämpft die Copyleft-Fraktion nicht nur für eine kreativere Welt, sondern auch für eine bessere und freiere. Bis es soweit ist, gilt es allerdings noch einige argumentative Haken aus dem Weg zu räumen: So fehlt die Sicht der Musikanten, die nicht immer Bösewichte vom Schlage eines Lars Ulrich sind und auf Tantiemen auch angewiesen sind, gänzlich, wie auch Brett Gaylor trotz den hehren Remixpreisungen in der selben Verwertungskette angelangt ist. Denn die Rechte für den Copyleft-Film sind zumindest für die Schweiz nicht gratis; dem System scheint abseits des Virtuellen niemand zu entkommen.

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