Filmstill: Haftbefehl (Musik) und Chehad Abdallah (Video): «Saudi Arabi Money Rich» (Deutschland 2014)

Haftbefehl: Scheine statt Pumpgun

Überall Geldscheine. In rauen Mengen. Hip-Hop Videos greifen gerne auf dieses Gestaltungsmittel zurück (wie zum Beispiel bei diesem Klassiker hier). 2014 machte der deutsche Rapper Haftbefehl mit dem Video zu «Ihr Hurensöhne / Saudi Arabi Money Rich» von sich reden. Ein Video der Superlative, nicht nur was das Produktionsbudget betrifft: Bis heute haben es über vier Millionen User auf YouTube angeklickt. Das Video selbst zeigt einmal mehr fliegende Moneten, orthodoxe Juden im Alkoholrausch und eine Muslima in Luis-Vuitton-Burka. Es provoziert und hinterlässt Fragen. Wir haben Rap-Experte Marcus Staiger gefragt, was er von diesem Video hält. Aus dem Norient Buch Seismographic Sounds (hier bestellbar).

Was bleibt, wenn man das Video des deutschen Rappers Haftbefehl zu seinem Song «Saudi Arabi Money Rich» gesehen hat, sind Ming-Vasen, die von Models in Coco-Chanel-Hasskappen zertrümmert werden, Champagner, der aus Gartenschläuchen spritzt, eine Muslima, die eine Luis-Vuitton-Burka trägt, orthodoxe Juden, die im Rausch auf einem stillgelegt Flughafen Burn-outs veranstalten und ein echtes Krokodil – Lacoste lebt. Offensichtlich geht es hier um Luxus und Geld. Geld, das vereint, auflöst, zersetzt, zusammensetzt, in einer wegwerfenden Geste verachtet wird und doch so offensichtlich im Vordergrund steht. Der internationale Hedonismus macht sie alle gleich: Die Muslime und die Juden, die tennisspielenden Millionärstöchter und goldbehängten Schwarzafrikanerinnen. «Saudi Arabi Money Rich» zeigt, worauf es ankommt in dieser Welt. Das Video ist ein Schlag in die Fresse der bildungsbürgerlichen Gesellschaft, die hinter ihrem plumpen Materialismus immer noch behauptet, dass es um mehr gehe als ums schnöde Geldverdienen.

Eine Low-Budget-Produktion?

So offenherzig im Video über Geld und imaginären Reichtum schwadroniert wird, so bedeckt geben sich die Akteure hinter den Kulissen. Die Produktionsfirma des Clips wollte aus Rücksicht auf die Geschäftspartner nicht sagen, wie viel Geld sie für das Video ausgegeben hat. Konkreter wurde die Plattenfirma Universal, bei der Haftbefehls Album Russisch Roulette erschien und die Videoclip und Produktion des Albums finanziert hat. Neffi Temur, Senior Director Urban A&R/Marketing bei Vertigo/Capitol, gab an, dass «Saudi Arabi Money Rich» mit 5’000 Euro der teuerste Einzeltitel des Albums gewesen sei, da dieser vom deutsch-afghanischen Erfolgsproduzenten Farhot produziert worden sei. Für den Videodreh habe man mit der Produktionsfirma einen Paketdeal für sämtliche Clips des Albums ausgehandelt. Den Anteil für das Video zu «Saudi Arabi Money Rich» schätze er auf 45 Kilo, was ausserhalb der Musikbranche so etwas wie 45’000 Euro bedeutet. Noch vor einigen Jahren hätte diese Summe keine weitere Beachtung verdient und wäre als Low Budget verbucht worden. Seitdem sich die Kosten für Musikvideos aber im freien Fall befinden, gehört «Saudi Arabi Money Rich» definitiv zu den teureren Produktionen.

Die Jagd nach dem Stoff, um den sich alles dreht

In diesem Video dampft Haftbefehl die Welt, wie sie sich ihm darstellt, auf das Wesentliche ein und erklärt, wie Integration tatsächlich funktioniert – mit einer Menge lila Scheine. Statt mit der Pumpgun will er sich den Zugang zur Upper Class mit Geld erkaufen. Woher die lila Scheine dafür kommen, ist allerdings egal. Dabei zeigt er an jeder möglichen und unmöglichen Stelle, wie sehr er auf das Papier, das für ihn die Welt bedeutet, scheisst. Wieso, ist doch nur Geld, und die Scheine regnen achtlos vom Himmel. Was Familie Quandt? Was Familie Mohn? Was Familie Porsche und Piech?1 Wer sind diese Familien? Ich ficke sie! Hier kommt Baba Haft, ich gehöre dazu, und wenn ich so viel Zeug von dem habe, das ihr Geld nennt, dann müsst ihr mich akzeptieren, ihr Pisser – ein Gedanke, so richtig wie falsch. Denn natürlich gehört der Mann aus Offenbach nicht dazu, egal wie viel Dom Pérignon er verspritzen lässt und egal wie viel Markenware im Video gezeigt oder zerstört wird. Ein paar lila Scheine zu besitzen, ist eben noch lange nicht gleichbedeutend damit, Eigentum sein Eigentum zu nennen, und dennoch bringt das Video eine ganz andere Wahrheit zum Vorschein: Viel weniger als das Haben ist die Jagd nach dem Stoff, um den sich alles dreht, das verbindende Element.

«Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit seine Seele nach Geld, dem einzigen Reichtum», schrieb Karl Marx über die Geldversessenheit der Bourgeoisie. Ein Prinzip, das unterschiedslos auch auf Rüstungsproduzentinnen, Diamantenhändler, Bankangestellte, Drogeriefachmarktverkäufer oder kleinkriminelle Drogendealerinnen anzuwenden ist. «Saudi Arabi Money Rich» macht Schluss mit dem guten Gewissen der Klassengesellschaft, macht Schluss mit der bürgerlichen Vorstellung von Moral und beschränkt die Botschaft unserer Gesellschaftsordnung auf das, was zu hören ist, wenn man genau zuhört: Setz dich durch! Rücksichtlos! Und fick deinen Illuminatentrip!

  • 1. Familien mit grossen Vermögensanteilen und Einfluss in Deutschen Industrie- und Medienkonzernen.

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Dieser Text wurde zuerst publiziert im zweiten Norient Buch «Seismographic Sounds».

Published on October 27, 2017

Last updated on January 16, 2020

Biography

Marcus Staiger ist Gründer des Hip-Hop-Labels Royalbunker und gilt als Wegbereiter des sogenannten Berliner Strassen-Raps. Er arbeitete beim Radio und schrieb für diverse Musikmagazine. Seit 2011 ist er freier Autor und Journalist.

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