photo: Nok from the Future

Gemeinsam einsam – Laptop-Musikvideos

Neue Musikvideos von Musikern und Musikerinnen wie Holly Herndon und Kevin Abstract beschäftigen sich mit der Dualität von Laptopscreens – und changieren zwischen virtuellen Fantasiewelten und politischen Realitäten.

Filme am Laptop schauen ist etwas Sonderbares. Der Screen ist flacher und härter als die Leinwand. Man kann am Bildschirm klopfen wie an einer Tür, man kann ihn auf- und zuklappen oder ihn, wenn er nicht mehr funktioniert, als Schneidebrett nutzen. Im Laptop ist das Tablet wortwörtlich angelegt. Das einzige, was ihn davon trennt, ist eine Ausstülpung, die Tastatur. Die Leinwand lässt sich hingegen aufrollen. Man kann aus ihr Kleider nähen oder Flaggen basteln. Doch der offensichtlichste Unterschied liegt in der Grösse: Im Gegensatz zur Leinwand ist die harte Fläche des Bildschirms klein genug, um die Umgebung nicht aus dem Blickfeld zu verbannen. Die Immersion des Zuschauers funktioniert deshalb anders als im Kino: Schaut man Filme am Laptop, sitzt man vor einer viereckigen Fläche, die sich in ein Loch transformiert, in das die Zuschauer fallen.

Um das Fallen geht es auch in den Musikvideos von Kevin Abstract. Es sind Clips, die nicht mehr einer Ästhetik des Kinos oder des Fernsehens nachhängen: Sie entfalten sich am besten auf dem Laptop, weil sie sich als seltsam vertrauter Fremdkörper mit der Ästhetik dieser Geräte verbinden. Diese Vertrautheit ist auch ein Thema in den Videos der Musikerin Holly Herndon. Musikvideos werden heute oft im Bett über den Laptop angeschaut. Anders als noch beim Musikfernsehen der Neunzigerjahre hat das Schauen im Internet eine seltsame Intimität: Alleine im Bett, aber trotzdem umgeben von einem persönlichen Netzwerk aus Leuten. Man ist über Facebook, Email und Skype ständig verbunden mit Menschen, die man kennt oder vielleicht erst noch kennenlernt. MTV war ausgelegt auf eine kollektive, öffentliche Party, die nicht auf persönliche Einzelverbindungen, aber auf einer geteilten Zuschauerschaft basiert. Der Verbund aus Laptop und Internet bildet eine merkwürdige Dualität aus Beisammensein und Alleinsein. Holly Herndon bringt dieses Gefühl in einem Interview auf den Punkt:

«[My laptop] sounds like very intimate Skype conversations. It sounds like me checking other people out and spying on people. It sounds basically like daily life. It’s like this integrated part of our day-today-activity. That’s one reason why I think it’s really funny that people say laptops are so disembodied. Actually it’s so connected to me. Unlike a violin it hears me talk to my mom. (...) I think it’s a hyperpersonal instrument.»

Während bei Holly Herndon diese Intimität auch eine politische ist, hadert Kevin Abstract mit privaten Problemen und Sehnsüchten. Im Clip zu den beiden Songs «Hell/Heroina» tauchen wir durch die Scheiben und Screens in die Emotionen eines Teenagers ein. Bereits in den ersten Sekunden bewegt sich die Kamera unablässig auf unterschiedliche Scheiben zu und drängt sich schliesslich immer näher an einen Laptopbildschirm: Das Quicktime-File mit einem Live-Auftritt, der die Ordner und das Default-Hintergrundbild überdeckt, füllt langsam den ganzen Frame aus. Die Ränder des geöffneten Clips beginnen sich mit den Rändern des Computers zu decken. Kevin Abstracts Laptop und «Teenage Angst» des Rappers verschaltet sich mit ganz persönlichen Unsicherheiten. Die Scheibe des Screens wird zum kleinsten gemeinsamen Nenner menschlicher Sehnsüchte und wirkt plötzlich als Mediator zwischen zwei Intimitäten, eine Verschaltung persönlicher Identitäten.

In Vince Staples’ Clip zu «Señorita» hingegen wird der Bildschirm zur Trennscheibe zwischen politischen und sozialen Identitäten: Reich begafft arm. Als mittelständischer Student bin ich fasziniert von der dargebotenen Karikatur des Ghettolebens inklusive Pimps, Bitches, Hustlers, Preachers und Riot-Cops - bis die virtuellen Gestalten als Avatare sozialer Ungleichheit ihre Gesichter an die Innenseite meines Bildschirms drücken, um durch den Screen aus ihrer (auch durch meine Realität determinierten) Misere zu entsteigen. Die Kamera war die ganze Zeit jenseits der Scheibe und wurde nun unversehens selbst zur Scheibe zwischen mir und der Herkunft des Rappers.

In diesem kurzen Moment wird mein Blick auf den Laptop und der voyeuristische Blick der Kamera gleichgesetzt. In einem dritten Schritt springt die Kamera auf meine Seite der Scheibe und konfrontiert mich mit einer Karikatur meiner Welt. Mein Screen ist gleich dem Guckkasten der reichen Gated-Community-Familie im Musikvideo. Meilenweit entfernt von der Armut in Long Beach schaue ich mir zoologisch-interessiert stilisierte Musikvideos aus dem Ghetto an. Der Laptop ist hier sowohl Trennscheibe als auch verbindendes Element zweier Klischees, hinter denen sich soziale Realitäten verbergen.

In den Videos von Kevin Abstract und Vince Staples werden private, soziale und ökonomische Probleme sichtbar, doch die Umgebung von «Nok from the Future» scheint sich vollständig in der digitalen Welt aufgelöst zu haben. In seinen Videos treffen die Benutzeroberflächen der 1990er- und frühen 2000er-Jahre als nostalgische Wiederkehr auf eine neue Generation, die sich vollständig im Innern der Laptops und Smartphones eingerichtet hat. Nok ist nicht nur musikalisch, sondern auch als virtuelle Figur mit Spiegelmaske eine Ausgeburt des Internets: Ein Zusammenschluss unserer Avatare auf Facebook, Twitter und in diversen Games, der als Mensch-Internet-Cyborg aus der nahen Zukunft in die digitale Gegenwart und Vergangenheit zurückkatapultiert wird. In einem Clip mit dem treffenden Titel «Obsolete Dreams» wandert Nok ziellos umher, auf der Suche nach den Glücksversprechen der Warenwelt der 90er-Jahre.

Wenn er zu den Lyrics «I couldn’t help it, i gotta see you again» in einer verzweifelten Pose mit dem Kopf an einen Gitterzaun lehnt, wird unten rechts das Logo des Antidepressiva Prozac eingeblendet. Wenn er traurig auf das Meer blickt, pappt sich der Kappa-Schriftzug von aussen auf seine rote Daunenjacke. Und als er in einer verschachtelten Collage mit Mickey-Mouse-Händen an die geschlossene Tür des Circuit-City-Stores hämmert, folgt das Bitcoin-Emblem dem Rhythmus der Snare-Drums. In einer Ästhetik, in der sich die verschiedenen Bildebenen wie Softwarefenster übereinanderstapeln, verliert die reale Welt ihre vordigitale Bedeutung: Sie ist nur noch Inhalt einer weiteren Schicht auf der Fläche des Screens. Die einzigen übriggebliebenen Handlungsräume sind die Topografien der Games, die sich in Obsolete Dreams rund um den Rapper gruppieren.

Ein selbstironisches Fake-Pressezitat in Nok’s Video zu «Awake» behauptet «Fans of internet music 67% more likely to quit real life - Psychology Today». Stellt man sich dieser Gefahr und schaut sich Musikvideos an, die es ohne das Internet nicht geben würde, lassen sich neue Ästhetiken entdecken. In diesem Sinne und trotz des damit verbundenen entfremdenden Schwermuts: Go for it! Drückt eure Gesichter gegen die Scheibe, gegen die sich auch einige der Videos seit dem Untergang von MTV pressen. Mit virtuellen Welten lässt sich ein neuer Blick auf die alltäglichen politischen, sozialen und intimen Probleme des «real life» gewinnen: Ein Blick, der sich der Bedeutung einer digital vernetzten Welt bewusst ist und sich dem Alltag deshalb mit einer neuen Ästhetik nähert, die das Internet mitreflektiert.

Published on August 13, 2016

Last updated on April 06, 2020

Biography

Kaspar Aebi ist Medienwissenschaftler und Kulturanthropologe. Momentan studiert er im Master Filmwissenschaft an der Freien Universität Berlin.
All Topics