Still aus Stahlberger (Musik), Jovica Radisavljevic (Video): «Du verwachsch wieder nume i dinere Wonig» (Schweiz 2014)

Das Musikvideo auf der Couch

Anlässlich des 2014 erschienenen Musikvideos «Du verwachsch wieder nume i dinere Wonig» von Stahlberger, blickt unser Autor auf die Geschichte des Mediums Musikvideo zurück und dekonstruiert die «hanebüchenen» Choreographien im Stahlberger-Video als Flucht vor den «überraschend starren Codes von Bandvideos». Aus dem Norient Buch Seismographic Sounds (hier bestellbar).

Erinnern Sie sich an jene Zeiten, als MTV noch ein Musikfernsehsender war, der Musikvideoclips spielte, in denen die Interpreten an ungewöhnlichen Orten ihre Songs «performen» mussten? Man denke etwa an Roxettes «Joyride», in dem das schwedische Duo auf Autokühlerhauben und Flugzeugflügeln «rockte» oder an «When Doves Cry» von Prince, für dessen Darbietung ihn der Clipregisseur in die Badewanne steckte. Notorisch auch die Tanzchoreografien, die ausgeheckt wurden, um Sommerhits wie «Macarena» unter die Leute zu bringen, während die Interpreten, in diesem Fall die beiden älteren Männer von Los Del Río, erst im Refrain auf der Bildfläche erscheinen und schunkelnd die Erkennungszeilen singen.

Wenn es nichts zu erzählen gibt...

An solche oder ähnlich hanebüchene Momente der an hanebüchenen Momenten übervollen Musikvideogeschichte erinnert der Tanz, den drei Herren im Clip zu «Du verwachsch wieder nume i dinere Wonig» ungeschickt vorzeigen. Die Secondhand-Klamotten – das zu enge Barcelona-Trikot, die Tigerkappe, der Wollpullover, das Schweissstirnband, das Trainerjäckchen – deuten, im Verbund mit den ungelenken Bewegungen, auf eine Parodie der geläufigen Choreografien hin. Und natürlich ist es auch eine solche, doch durch den Ort, an dem die drei ihre Bewegungen ausführen, erhält diese Tanzkarikatur eine neue Qualität. Denn wir befinden uns hier im Vorzimmer des Psychotherapeuten oder des Psychiaters, der den Erzähler – in diesem Falle Manuel Stahlberger – auf die Couch bittet.

Während die (Alb)Traumerzählungen von einem unzuverlässigen, den Rauschmitteln zugetanen Mann vorgeblich analysiert werden, landet durch die lustigen Tänze auch das Medium Videoclip auf der Couch, das spätestens seit dem Zerfall der einstigen Musikfernsehsender nicht mehr Herr im Hause ist, und sich neue Ausdrucksformen, neue Heimaten und neue Formate ausdenken musste und durfte. In diesen Jahren ist trotz den neuen Freiheiten die Schwierigkeit geblieben, die Mitglieder von Bands – abseits des Leaders – ins Geschehen einzubinden. Indem die drei im Wartezimmer nun ihre Tänze vor der Tapete, vorführen, kommentieren sie die ausweglose Situation, in der sich ihr Gefährte befindet (der doch immer nur in seiner Wohnung erwacht). Die Tänze, sie stehen auch für die Unmöglichkeit, den überraschend starren Codes von Bandvideos zu entfliehen. Denn noch immer gilt: wenn es nichts zu erzählen gibt, bleibt für die Statisten nur noch der Tanz.

 

«You Just Wake Up in Your Apartment Again»

Songtext Translation by Enrico Kampmann

There’s a quiet buzzing sound to be heard coming from the ceiling
The ceiling is a giant spiderweb of neon tubes
You are standing in the middle of an endless room
Or on the side—I have no clue—and then you see something flickering
In the distance, you walk towards it and start to notice
It’s a neon tube that’s about to go out
It looks like an arrow, you walk in the direction it is pointing
You walk and walk and walk and walk an eternity

And then you just wake up in your apartment again
It’s raining in front of one window and sunny in front of the other

You never really knew your grandfather
First you were too little, and later there were worlds between you
And now he’s standing in the door and sits down at your table
And tells you about what’s going on outside and all that is important
You listen and make him tea and you keep getting smaller
He says: where are your wings and he looks through all the rooms
And then you go outside and drive, with a John Deere,
through the Christmas party of a fire department

And then you just wake up in your apartment again
It’s raining in front of one window and the sun is shining in front of the other

And in the plaster on the wall you see faces and shapes
Animals eat people eat animals and over again
Your eyes grow shut and your legs grow together
You forget their faces and you forget their names

And then you just wake up in your apartment again
It’s raining in front of one window and sunny in front of the other

Dieser Text wurde zuerst publiziert im zweiten Norient Buch «Seismographic Sounds».

Published on July 25, 2017

Last updated on April 06, 2020

Biography

Benedikt Sartorius ist Musikjournalist und Mitorganisator der Musikfilmreihe «Song & Dance Men».
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