Filmstill: «Sugarbread» (Soap&Skin, 2013)

Das kleine Requiem

Der Song «Sugarbread» der Gothic-Musikerin Soap&Skin alias Anja Plaschg ist eine Teenager-Tragödie. Aber auch ein Exorzismus – und Plaschg eine Besessene und Priesterin zugleich. Denn sie ahnt: Der Mensch ist ein liebesunfähiges Wesen. Aus dem Norient Buch Seismographic Sounds (Hier bestellbar).

Ein unterschätztes Stück Popmusik ist das berühmt-belächelte «Leader Of The Pack» der Mädchenband Shangri-Las von 1964, und vielleicht ist es wirklich kitschig, künstlich, kommerziell und unauthentisch. Doch einzigartig ist die konzeptuelle Grösse des Songs: in knapp drei Minuten stellt er eine komplette Teenager-Tragödie mit tödlichem Ende dar – eine Opernszene mit den Mitteln der Popmusik.

Soap&Skin alias Anja Plaschg, der man zum Glück fehlende Authentizität noch nicht vorgeworfen hat, liefert mit «Sugarbread» nun einen weiteren Beitrag zu diesem theatralischen Genre der Teenager-Tragödie. Das Stück inklusive der zugehörigen Videocollage ist ein massstäblich verkleinertes Requiem, eine Totenmesse für eine verstorbene Liebe. Aber anders als in einem normalen Love Song scheint es hier nicht um eine bestimmte Person zu gehen, sondern um die Liebesunfähigkeit des Menschen schlechthin.

Himmel hinter den Sternen

Die biologische Konstitution des Menschen, die ihn lieben, töten und vergessen macht, wird wie ein Fluch aus einem Horrorfilm geschildert. Kann Technik (auch Soundtechnik) die Befreiung bringen? Müssen wir die Erde mit ihrem Mord, Verrat und Verlust hinter uns lassen? Liegt der Himmel hinter den Sternen? Wären wir überhaupt in der Lage, ihn wahrzunehmen, oder müssten wir uns dazu zunächst umschaffen, zu einem Homunculus, einem Cyborg, einem Avatar?

«Sugarbread» ist ein Exorzismus, und Soap&Skin ist Besessene und Priesterin zugleich. Die anfänglichen triolischen Bläserakkorde mit den Horrorfilm-Schreien scheinen im Hallraum zu verschwinden, eröffnen einen ungemessenen Raum der Verzweiflung. Wenn der Beat dann binär in dieses ternäre Umfeld einsetzt, ergibt das nicht nur eine scheinbare Beschleunigung: Schon bei Palestrina galten ternäre Zeitmasse (Dreierrhythmen) als göttlich und vollkommen, binäre (Zweierrhythmen) dagegen als menschlich und unvollständig.

Wenn anschliessend der gestrenge Chor auf die Aufforderung, ewig zu lieben, mit den Worten des katholischen Ritus antwortet, möchte man gleich aufgeben. Dieses «Lux aeterna», in dem alle Gegensätze verschwinden, ist für uns längst nicht mehr sichtbar. Es ist nichts als ein unnahbarer Gesang, der die Tonart der Verzweiflung fortführt.

Der Himmel in uns

Doch dann, nach dem zweiten Chorus, plötzlich die Wende (auch die nach Dur): eine Orgel setzt ein und führt uns ins dreiteilige Tempus perfectum zurück. Der erleuchtete Mund schweigt, die Sicht schwindet. Für 45 lange Sekunden werden wir in einen Himmel geführt, der nicht hinter den Wolken religiöser oder technischer Versprechungen liegt, sondern irgendwo in uns. Gurnemanz sang im Parsifal: «Zum Raum wird hier die Zeit» – «Here, there, where the sight rather flees», singt Plaschg und schafft damit eine Insel im Meer der Verzweiflung.

Ein Schrei, und wir wissen, dass diese Paradiese des Augenblicks eben immer nur Augenblicke währen. Doch der brennende Wunsch nach Erlösung bleibt. Und deshalb werden noch viele Raketen gestartet werden müssen und künstliche Intelligenzen geschaffen und Kriege geführt. Der Chor singt wieder, das Video wird schwarz, und das könnte ewig so weiter gehen.

Dieser Text wurde erstmals publiziert im zweiten Norient Buch «Seismographic Sounds».

Published on December 06, 2017

Last updated on January 16, 2020

Biography

Jan Dvorak ist Komponist und Theatermacher. Mit der Künstlergruppe Kommando Himmelfahrt entwickelt er utopisches Popmusiktheater; seit der Spielzeit 2016/17 ist er Chefdramaturg der Mannheimer Oper.

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