Five Experimental Video Clips

Playlist
by Gaudenz Badrutt

Dass sich die experimentellen, improvisierenden Musiker eher selten dem Medium Videoclip widmen, hat seinen Ursprung in der Sache an sich: häufig ist der künstlerische Output auf den Moment beschränkt und eben gerade nicht dafür gedacht, festgehalten zu werden. Auch in der Neuen Musik fristen filmische Komponenten nur ein Schattendasein. Die folgenden Videoclips, zusammengestellt vom Bieler Elektronikmusiker Gaudenz Badrutt, zeigen verschiedenste Ansätze, wie mit dem Medium Video umgegangen werden kann.

Zum Beginn zwei Hinweise: 1. Die übliche Kürze eines Videoclips wird nicht eingehalten, es handelt sich schliesslich auch nicht um «Songs» in Drei-Minuten-Länge. 2. Was meiner Ansicht nach für sämtliche Videoclips gilt, ist für die vorliegende Kategorie im Speziellen zu beachten: Höre mit guten Kopfhörern oder guten Lautsprechern, ansonsten geht die Musik flöten.

1.
Artist: Otomo Yoshihide (Japan)
Project: Tokyo Experimental Performance

Ein Videoclip, welcher den experimentellen Umgang mit Geräten bzw. Instrumenten gut aufzeigt, ist die Festhaltung einer Live-Performance vom japanischen Turntablisten Otomo Yoshihide im SuperDeluxe Tokyo. Einerseits scheint es lediglich Dokumentation zu sein, andererseits sind die wenigen Kameraeinstellungen künstlerisch betrachtet gutes Gegengewicht zum äusserst experimentellen Umgang mit Plattenspieler und (wenigen) Schallplatten – und damit ist das Video mehr als nur Dokumentation.

2.
Artist: Helen Petts (Grossbritannien)
Project: Langham Research Centre perform Cartridge Music by John Cage

Dass sich ein Werk von John Cage in dieser Auswahl findet, ist der britischen Videokünstlerin Helen Petts zu verdanken. Ihre jahrelange Erfahrung im filmischen Umgang mit improvisierter Musik hat auch hier seine Auswirkungen. Ich möchte im Speziellen auf ihre fünf Kurzfilme Sea Shanties mit dem Stimmakrobaten Phil Minton und dem Schlagzeuger Roger Turner hinweisen: Eine derart enge, und doch sehr offene Verbundenheit zwischen Musik und Bild ist selten zu sehen. Das Video des Werkes «Cartridge Music» von John Cage aus dem Jahre 1960 ist mit seiner beobachtenden und stets bewegenden Kameraführung spannende Ergänzung zur sehr reduzierten, geräuschhaften Musik.

3.
Artist: Billy Roisz (Österreich)
Project: Bass & TV Dining

Die Wiener Video- und Klangperformerin Billy Roisz arbeitet mit live generierten Sounds, in enger Verknüpfung mit Fernsehbildschirmen. «Fernseh-Linien», welche aus Audiosignalen generiert werden, und das erneute Ablesen dieser Bilder als Quelle der Soundgenerierung sind Hauptbestandteil ihrer Arbeiten. Die Reduktion auf wenige Mittel und Materialien lässt ein nicht klar einzuordnendes Konstrukt entstehen, die Hierarchie zwischen Bild und Ton ist völlig aufgehoben.

4.
Artist: Johannes Kreidler (Deutschland)
Project: Performance Sindelfingen

Johannes Kreidler hat sich bereits mit seiner GEMA-Performance «product placements» 2008 sehr eigenständig geäussert. Auf humorvolle Art und Weise schafft er es, die Gratwanderung zwischen Kunst, Blödel und Wissenschaft ohne Absturz (?) zu bewerkstelligen. So auch im Video einer Performance in Sindelfingen 2013. Ist es ein Referat? Performance? Musik über Musik? Meint er das ernst oder ist es Persiflage? Ich überlasse es dem Betrachter.

5.
Artist: Robin Fox (Australien)
Project: Fox RGB Laser

Der australische Noise-Musiker Robin Fox arbeitet schon seit einigen Jahren an seiner Solo-Performance mit Laser-Show. Dabei ist die Musik direkt mit dem Visuellen verbunden – offenbar erscheinen alle Ereignisse auf akustischer und visueller Ebene synchron. Klang und «Bild» werden auf digitaler Basis erzeugt. «Bild» heisst dabei: nicht Projektion auf eine schön aufgespannte Leinwand, sondern Lasertiraden, welche den ganzen Raum bzw. dessen Wände miteinbeziehen (zudem ist man auch als Zuhörer und Zuschauer direkt betroffen). Live ist das eine ziemlich heftige, aber auch sehr emotionale Sache. Neuerdings – seit rund einem Jahr – arbeitet er nicht mehr nur mit einer Laserfarbe – die RGB Laser Show spaltet die musikalische Polyphonie auch im Visuellen auf. Der Videoclip ist dabei lediglich Dokumentation.

Published on September 18, 2015

Last updated on April 06, 2020

Biography

Gaudenz Badrutt ist ursprünglich Pianist im Bereich der zeitgenössischen Klassik und betätigt sich seit rund 15 Jahren als Elektronikmusiker im Bereich der improvisierten, experimentellen Musik. Klavierstudium an der Hochschule für Musik&Theater Bern/Biel mit Lehr- und Konzertdiplom. Heute steht die Tätigkeit als improvisierender Elektronikmusiker mit Computer (v.a. Livesampling) und anderen elektronischen Geräten im Vordergrund. Filigran Minimales, Noise, Drone und dichte Strukturen sind Eckpunkte seiner Musik.
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