«Ya Sharr Mout»

Oh, Böses, stirb

Der libanesisch-schweizerische Komponist, Gitarrist und Oud-Virtuose Mahmoud Turkmani präsentiert sein neue Album Ya Sharr Mout (je nach Aussprache «Oh, Böses, stirb» oder «Hurensohn»).

Er sei ein Verräter der arabischen Musik und Kultur, schrien die Musikologen am Internationalen Kongress für Arabische Musik in Kairo. Turkmani hatte mit einem ägyptischen Ensemble die arabische Kunstmusikform «Muwashahat» anders, neu spielen wollen. Noch in der Nacht polterten die Wissenschafter an seine Hoteltür. Mahmoud Turkmanis Antwort liegt jetzt vor – mit drei Jahren Verspätung: «Ya Sharr Mout» heisst sein neuestes Werk, auf Arabisch «Du Hurensohn» oder «Oh, Böses, stirb!», je nach Betonung: Eine CD, plus ein dazu gehöriger Dokumentarfilm. Im Film, gedreht von der Zürcher Filmemacherin Sabine Gisiger, sehen wir Turkmani gemeinsam mit dem Bümplizer Videokünstler Michael Spahr akustisch und visuell mit arabischen Worten spielen – die arabische Sprache basiert auf einem Wurzelsystem mit zumeist drei Wurzelkonsonanten; verdreht man einzelne Buchstaben, ergeben sich neue, oft sogar gegensätzliche Bedeutungen. Böses verwandelt sich so in Gutes, ein Verbot wird zum Genuss. Dieses Phänomen nutzt Turkmani in seinem neuesten Werk auch als musikalisches Motto: Er rezyklierte einige seiner alten Kompositionen, vertauschte Noten und horchte gespannt, was sich da ergeben möge.

Die Uraufführung des Werkes fand mit einem Ensemble ägyptischer Musiker in Beirut statt – Kairo war zu heikel. Das Konzert lieferte das akustische und visuelle Material für die eben erschienene Audio-CD und den filmischen Mitschnitt (Enja/Musikvertrieb). Instrumente, Bilder und Stimmungen spielen miteinander – oft wie zufällig. Melodien kreuzen und trennen sich. Violine, Qanun, Kontrabass, Oud, Gitarre und Rahmentrommel wiegen sich einmal im kanonischen Zwiegespräch. Dann verflüchtigen sie sich in viele Richtungen, parallel zu den sich wandelnden arabischen Buchstaben, die auf einen Bildschirm projiziert sind. Sie finden sich wieder und steigen turbulent in die Höhe. Die Musik moduliert zwischen arabischen Skalen, leichten Harmonien und Dissonanzen. Turkmani tritt dann und wann auf Oud und Gitarre solistisch hervor. Geräusche aus Beirut werden dazwischen geblendet, und der Schriftsteller Elias Khoury und andere libanesische Künstler sprechen von Tabus und vom Niedergang der arabischen Welt.

Turkmani taucht vielseitiger denn je durch sein musikalisches Universum – und durch sein Leben, wie der Dokumentarfilm eindrücklich zeigt. Turkmani hat im Bürgerkrieg gekämpft, sich mit seinem Vater zerstritten, in Moskau studiert, und schliesslich ist er in der Schweiz gelandet. In seiner audiovisuellen Performance spielt all dies mit; seine Wut, Traumata, Schuldgefühle und Nostalgien treten abstrakt, in audiovisuellen Assoziationen voller Dissonanzen und Unschärfen neu hervor. Ein sanfter Wind voller Sehnsucht schwebt über allem – scheint es. «Die Schönheit ist gestorben in diesem Land», singt Nisreen Hmaidan und rezitiert einen Text von Nadia Tuéni. Die Antwort an die Musikwissenschafter aus der arabischen Welt klingt sehr persönlich, oft sanft und zerbrechlich, irgendwie traurig, und äusserst reif. Stille Wasser sind bekanntlich tief.

Die CD/DVD ist hier erhältlich: Ya Sharr Mout

Published on September 11, 2008

Last updated on January 16, 2020

Biography

Thomas Burkhalter is an ethnomusicologist and cultural producer from Switzerland. He is the founder and director of Norient – Performing Music Research (norient.com), and artistic director of the Norient Film Festival. Recent main projects include the documentary film «Contradict» (2019), the AV/theatre/dance performance «Clash of Gods» (2018), and the re-launch of Norient (2019). He published the book «Local Music Scenes and Globalization: Transnational Platforms in Beirut» (Routledge), and co-edited «The Arab Avant Garde: Musical Innovation in the Middle East» (Wesleyan University Press).
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