photo: Zabara Alexander

Wir sind glücklich, wenn wir traurig sind

Der Tango ist der Blues der Finnen. Er ist der Soundtrack für die kurze Euphorie des Sommers und die Melancholie endloser Winternächte. Ganz in Moll, dem Schicksal ergeben. Wie aber kam der Tango nach Finnland? Warum wurde er zur finnischen Nationalmusik? Und: Wie tanzt man betrunken Tango?

«Ein Tanzpavillon zwischen einem See und einem Wald – einfach fantastisch.» Reijo Taipale steht hinter dem Bühneneingang, er hält eine kleine Flasche Bier in der Hand und strahlt glücklich.

Es ist ein Samstagabend im Juli 2002, kurz nach 20 Uhr in einem schönen Tanzpavillon aus den sechziger Jahren. Er war nicht ganz leicht zu finden: Nur ein unauffälliges Schild an der Hauptstrasse zwischen Mikkeli und Lappeenranta, im Seengebiet des Südostens, wies auf den Waldweg hin, an dessen Ende, nach etwa zehn holprigen Minuten im Schrittempo, wir von bunten Lichtgirlanden und den Klängen des ersten Orchesters empfangen wurden. Das Gelände füllt sich langsam mit Einheimischen und Urlaubern aus ihren Sommerhäusern; manche kommen mit dem Auto, andere mit dem Boot, zum Teil von weit her – immerhin spielt heute Reijo Taipale zum Tanz auf, der berühmteste lebende Tangosänger und damit Finnlands grösster Star. «Im Sommer, in einem Tanzpavillon», freut er sich, «da herrscht eine Stimmung, wie sie in Restaurants und Konzertsälen nie erreicht werden kann.»

Seit 40 Jahren Finnlands Superstar, ist Reijo Taipale der einfache Waldarbeiter, der er war, geblieben und wird dem Publikum auch heute Abend geben, was es erwartet: Tanzmusik. Walzer, Jenkka (Schottisch), Humppa (die finnische Polka), Schlager, und natürlich «Satumaa», das Lied, mit dem er 1962 den grössten aller Tangobooms ausgelöst hat. «Monatelang kämpften die Beatles, die Rolling Stones und ich um den ersten Platz in der Hitparade», darauf ist Reijo Taipale heute noch stolz. «Seither habe ich ‹Satumaa› mindestens 7000 Mal gesungen.» Er lacht. Obschon die Leute nicht nur Tango tanzen wollen, ist der Tango für das Gelingen eines Abends besonders wichtig. «Am Anfang sind die Menschen oft noch etwas schüchtern. Ich brauche aber nur einen Tangoklassiker aus den sechziger Jahren anzustimmen, dann stürzen – leicht übertrieben gesagt – die Kerle wie wildgewordene Rentiere auf die Frauen zu und fordern sie zum Tanz auf.»

Und sie tanzen immer langsamer

Reijo Taipale betritt die Bühne, hemdsärmelig, ganz ohne Allüren. Nach einer freundlichen Begrüssung beginnt er seinen Auftritt mit zwei Walzern. Die Tanzfläche füllt sich langsam. Nach zwei Foxtrotts kündet er den ersten Tango des Abends an – plötzlich ist der Tanzboden voll, fast niemand bleibt sitzen, die Stimmung wird anders, ernster, und als Reijo Taipale «Tähdet Meren Yllä» anstimmt, «Sterne über dem Meer», setzen sich die Tänzer mit spürbar mehr Hingabe in Bewegung. Auch Reijo Taipales Haltung ändert sich: Er bewegt sich nicht mehr lächelnd, sondern steht ernst und unbeweglich wie eine Statue.

Das Paar neben uns am langen Holztisch tanzt nur Tango. Die übrige Zeit sitzen sie da, schweigsam, er trinkt Kaffee, sie nippt an einem leichten Apfelwein. Sie heisst Pirkko, er heisst Antti, sie sind um die fünfzig, kennengelernt haben sie sich, erzählt sie, vor 22 Jahren beim Tanzen. Beim Tango. «Früher, in den fünfziger und sechziger Jahren waren die Tanzpavillons die einzigen Orte, wo sich Jugendliche treffen konnten», erinnert er sich. Oft seien sie in Bussen 30 oder 40 Kilometer gefahren. «Ich fuhr mit dem Fahrrad zum nächsten Pavillon», wirft sie ein, «14 Kilometer hin, 14 Kilometer zurück.» Der Tango sei etwas besonderes. «Der beste Paartanz», sagt Antti. «Der Rhythmus ist gut, die Melodien sind schön, die Texte sind tief, und man ist sich sehr nahe.» Mit einem theatralischen Seufzer fügt Pirkko an: «Und es hat viel Liebe im Tango.»

Reijo Taipale. (photo: adi)

Mitternacht ist längst vorbei. Der Pavillon ist immer noch voll. Die Stimmung ausserhalb des Tanzbodens ist ausgelassen. Auf dem Tanzboden ist es ruhig. Jedes Paar tanzt den Tango auf seine Weise, manche kunstvoll, manche sehr einfach. Alle schweigen, sie tanzen immer langsamer, immer enger, die meisten mit geschlossenen Augen, auch Antti und Pirkko, die sich Wange an Wange selbstvergessen im Kreis drehen.

«Wenn ich in solchen Momenten die Tänzer beobachte», sagt Reijo Taipale nach seinem Auftritt – die bunten Glühbirnen sind gelöscht, die Tänzer auf dem Weg nach Hause – «dann spüre ich, dass der finnische Tango eine ernsthafte Angelegenheit ist, nichts Leichtes, Oberflächliches.»

Ein Moll-Volk

«Viele Leute halten den finnischen Tango für ein ländliches Phänomen, aber sie irren – auch in Helsinki ist der Tango populär.» M.A. Numminen steht, ein Glas Rotwein in der Hand, an der Theke des mit dunklem Plüsch und falschem Gold ausstaffierten Tanzcafés Maestro. «Es gibt vier grosse Tanzrestaurants in Helsinki, die täglich geöffnet sind.» Auf der Bühne bringt Eino Grön, der andere grosse Tangostar, der glamouröse Entertainer, der bisweilen mit argentinischen Arrangements kokettiert und den Tango mit einer virtuosen, gewisse Silben nachlässig verschleppenden Eleganz singt, Dutzende hübsch herausgeputzte Paare aus allen Altersschichten zum Tanzen.

M.A. Numminen, Schriftsteller und Tangomusiker. (photo: adi)

Der Schrifsteller, Musiker und Filmemacher M.A. Numminen ist seit knapp 40 Jahren das Enfant Terrible der finnischen Kultur – und gleichzeitig ein Liebhaber des Finntangos. «Unsere Nationalmusik», wie er mit einem feinen Lächeln betont, der er im Roman «Tango ist meine Leidenschaft» seine Reverenz erwiesen hat.

Der Modetanz Tango erreichte Finnland 1913, erzählt Numminen. «Bis in die dreissiger Jahre war der Tango wie überall in Europa ein Showtanz für die besseren Kreise.» Erst während des zweiten Weltkriegs mutierte der argentinische Rhythmus zum Finntango. «Der Jazzmusiker Toivo Kärkki, er war Artillerist an der Front, erfand ihn. Er vermischte den Tango mit den Mollmelodien russischer Romanzen und dem geraden Takt deutscher Marschmusik.» Mit Tangos wie «Siks Oon Mää Suruinen» («Deshalb bin ich so traurig»), «Täysikuu» («Vollmond») und «Liliankukka» («Lilienblume») trafen Kärkki und seine Interpreten – allen voran der unerreichte Olavi Virta – den Geschmack ihrer Landsleute. «Im Gegensatz zum internationalen Tango ist der Finntango immer in Moll. Die Finnen gehören zu den Moll-Völkern, wir lieben Moll-Musik. Das Eigentümliche in der finnischen Mentalität ist, dass wir glücklich sind, wenn wir traurig sind.»

Finntango

Nach dem Krieg wurde der Finntango zur populärsten Musik. In den sechziger Jahren, der Zeit, in der die finnische Agrargesellschaft urbanisiert wurde, bot er den Finnen eine Verbindung zu einer vermeintlichen Tradition und Sicherheit und trotzte der Invasion angloamerikanischer Pop-Musik. Die Tangos von Unto Mononen – «Satumaa», «Onnen Maa», «Meren Tähdet Yllä» und andere – prägten das Lebensgefühl jener Epoche. «Ein Naturtalent», sagt M.A. Numminen über den Autodidakten Mononen. «Er hat nicht sehr viele, dafür umso schönere Tangos komponiert.» Mononens Leben war intensiv und endete tragisch wie ein Tango: Er erschoss sich im Suff, mit einer vermeintlich ungeladenen Pistole.

In den siebziger Jahren verschwand der Tango in der Versenkung, nicht zuletzt wegen der Lockerung der Alkoholprohibition – die Finnen suchten fortan lieber Restaurants auf als Tanzplätze. «Der Tango wäre vielleicht verschwunden, wenn nicht 1985 der Tangomarkkinat von Seinäjoki geschaffen worden wäre.» Dank dieses hochkommerziellen Festivals erlebt der Tango eine neue Phase der Popularität. «Obgleich der finnische Tango erst 60 Jahre alt ist, kommt es uns so vor, als hätte es ihn schon immer gegeben», schliesst Numminen seine kurze Geschichte des Finntango ab. «Der Tango erzählt uns so wichtige Sachen, dass wir glücklich werden, auch wenn die Melodien so traurig sind. Deshalb brauchen wir den Finntango. Deshalb lebt er in der Seele praktisch aller Finnen.»

Tangomarkkinat

Das kurze Glück

«‹Satumaa›», Pirjo Kukkonen macht eine kurze Pause, als wolle sie ihre Ehrfurcht vor diesem Titel ausdrücken, «‹Satumaa›, das Märchenland. Es gibt ernsthafte Bemühungen, diesen Tango ins finnische Psalmenbuch aufzunehmen.»

«Satumaa» besingt die Insel des Glücks jenseits des Ozeans; der Sänger möchte mit den Vögeln zu diesen Gestaden fliegen; im Gegensatz zu den Vögeln würde er sie jedoch nie wieder verlassen. Über die Bedeutung des Textes streiten sich die Finnen bis heute. «Satumaa», setzt Pirjo Kukkonen wieder an, «ist es der innere Friede in Dir? Oder ist ‹Satumaa› ganz konkret ein fernes Land? Beschreibt es unsere Sehnsucht nach etwas Unerreichbarem? ‹Satumaa› könnte aber auch das himmlische Paradies sein. Oder – die Sehnsucht nach dem Tod.»

Pirjo Kukkonen, Professorin an der Universität von Helsinki, ist eine muntere Frau um die 50, die sich seit Jahren leidenschaftlich mit den Texten der finnischen Tangos beschäftigt und mit «Tango Nostalgie» eine sehr interessante Studie publiziert hat. Pirjo Kukkonen doziert aber nicht. Sie erzählt vom Tango mit derselben Inbrunst wie Eino Grön oder Olavi Virta ihn singen. Wunderbar, ihr zuzuhören.

«Die Kriegsjahre verliehen unserem Tango seine Tiefe und Melancholie. Wir mussten die Trauer und die Schmerzen des Kriegs verarbeiten. Tango wurde zu einer Therapie der Volksseele. Deshalb beschwören die meisten Tangos Unglück und Trauer. Weil wir eine schweigsame Kultur sind, sind die Texte unserer Lieder umso wichtiger. Wir tanzen eigentlich zu den Texten, nicht zur Musik. Sie drücken aus, was wir fühlen, aber nicht aussprechen können. Liebe und verlorene Liebe, Einsamkeit und Schmerz, Erinnerungen, Schwermut und Nostalgie. Und die Sehnsucht nach ‹Satumaa›. Das kurze Glück und die lange Trauer – die Natur hat uns ein Beispiel dafür gegeben. Die Helligkeit und die Wärme des finnischen Sommers sind sehr kurz. Wir drücken unsere Gefühle in Naturmetaphern aus, und die meisten Texte folgen den Jahreszeiten. Das Frühjahr bedeutet Hoffnung, der Sommer die Zeit der Liebe und Erfüllung; im Herbst erleben wir den Verlust, und der Winter ist der Tod. Im Tango hast Du alles: Musik, Texte und Tanz. Tango ist die ernsthafteste Musik, die ich kenne.»

Gekrönte Stimmen

Mitte Juli: Rund 100'000 nostalgietrunkene Finnen und Finninnen tanzen Tango und wohnen der Kür der neuen Tangokönigin und des neuen Tangokönigs bei – der Tangomarkkinat von Seinäjoki, einer Kleinstadt im Nordwesten Finnlands, ist mittlerweile eines der bedeutendsten Festivals in Finnland. Und eines der umstrittensten. «Kein Pop-Star kann so berühmt sein wie ein Tangokönig», streicht M.A. Numminen den Stellenwert dieses am Fernsehen live übertragenen Gesangswettstreits heraus. Schade sei nur, moniert Pirjo Kukkonen, dass kaum eine dieser gekrönten Stimmen nach ihrer Kür noch Tangos singt – mit Schlagern und zahmem Pop-Sound lässt sich mehr Geld verdienen.

«Der Tangomarkt entspricht nicht dem wahren Geist des Tangos», mault Aki Kaurismäki, um gleich zu relativieren: «Dass sich 100'000 Leute zusammenfinden, um Tango zu tanzen, kann ja nicht einfach nur schlecht sein; das hält die Tradition irgendwie am Leben.»

Unbestritten ist, dass Seinäjoki den Tango dem Vergessen entrissen hat. Ebenso unbestritten ist aber, dass der Tango derzeit eine kreative Krise durchmacht. «Die Tangoszene ist sehr konservativ. Sie will nicht, dass der Tango sich verändert.» M.A. Numminen weiss es zu gut, hat er doch in den sechziger und siebziger Jahren versucht, den Tango durch gesellschaftskritische und humoristische Texte und ungewöhnliche Arrangements zu erweitern – seine Tangos wie «Mit meiner Braut im Parlamentspark» wurden verboten. «Mittelmässige Kombos spielen uninspiriert die Evergreens, und das war's. Mit dem finnischen Tango experimentiert man nicht. Leider.»

Tangoloops

«Tango ist die Musik unserer Eltern», sagt Asko Keränen, der Keyboarder von 22 Pistepirkko, Finnlands berühmtester Underground-Band, stellvertretend für die meisten Menschen seiner Generation. Tango ist nicht Jugendkultur, Tango ist nicht hip, Tango ist – nicht zuletzt wegen Seinäjoki – extrem uncool. Asko schlurft in die Küche, um Tee aufzugiessen. «Am Samstag Abend gingen unsere Eltern tanzen», erinnert er sich, «und vorher stimmten sie sich mit einer Tangokassette ein. Mein Bruder PK und ich waren Rock-Fans und Punks, und natürlich verhöhnten wir sie: ‹Tango ist Scheisse, und ihr seid doof!›» Asko stellt Tee und Honig auf den Tisch.

Der finnische Untergrund: 22 Pistepirkko. (photo: zvg)

Erstaunlicherweise können aber auch alle jungen Finninnen und Finnen die klassischen Tangos mitsingen, Wort für Wort, und sind selber am meisten davon überrascht, wie sehr sie die verschmähte Musik verinnerlicht haben. Asko giesst den Tee ein. Er lächelt. «Heute kann unsere Mutter nur über uns schmunzeln, wenn sie unsere neuen, melancholischen Songs hört. ‹Erinnert Ihr Euch?› fragt sie dann. ‹Ja›, erwidere ich dann, ‹wir waren sehr dumm damals›.» Es stimmt: Bei aller vordergründigen Ablehnung des Tangos haben auch 22 Pistepirkko – wie die meisten finnischen Pop-Musiker – einen unüberhörbaren Hang zu den Moll-Harmonien, die den finnischen Tango charakterisieren. «Heute muss ich zugeben, dass die Melodien und Arrangements gewisser Tangos wunderschön sind, so verdammt schön und gut. Vielleicht samplen wir eines Tages ein Tango-Loop und basteln einen Song daraus.»

Der echte Tango

«Ich habe versucht, meinen Tanzpavillon im Stil der Tanzscheunen der fünfziger Jahre einzurichten. Auf den Seiten offen, aber überdacht, weil es hier ja jeden zweiten Freitag regnet.» Aki Kaurismäki führt uns in den Pavillon, den er neben seinem Hotel gebaut hat, das Hotel Oiva in Karkkila, eine gute Autobusstunde nordwestlich von Helsinki, mitten im Wald gelegen. Von Anfang Juni bis Ende September wird hier jeden zweiten Freitag Abend getanzt; heute ist Markus Allan zu Gast, die Tangolegende aus den sechziger Jahren, der Aki Kaurismäki mit Auftritten in seinen Filmen zu einem Comeback verhalf. «Als er zu den Dreharbeiten zu Drifting Clouds kam und mir sagte, er sei seit zweieinhalb Jahren nicht mehr aufgetreten, sagte ich: Nicht mehr länger. Und produzierte zwei Platten mit ihm.» Markus Allan, ein überaus freundlicher rundlicher Herr, nickt. «Für viele von uns war es eine schwierige Zeit, als Rock und Pop den Tango verdrängten. Aber nun geht es aufwärts, es werden immer wieder neue, kleine Tanzpavillons eröffnet, und auch jüngere Menschen interessieren sich wieder für den Tango.»

Zufahrt zu Aki Kaurismäkis Hotel Oiva. (photo: adi)

Während Markus Allan gemächlich zur Bühne schreitet, stellt sich Aki Kaurismäki hinter die Bar und bedient das Publikum, mehrheitlich Leute aus der näheren Umgebung. Eine familiäre Atmosphäre. «Ich entdeckte den Tango, als ich zehn war», erzählt er, als Markus Allan «Liliankukka» anstimmt, das Lied, mit dem der junge Roma Allan 1963, noch ein Teenager, unter den Fittichen Toivo Kärkis zum Star wurde. «Mein Schulfreund und ich fanden in einem Estrich eine Tonbandmaschine und Bänder von Olavi Virta. Das haute mich um. Seither höre ich Tango.» Warum? «Der Rhythmus geht ins Blut, die Musik ist melancholisch, was wichtig ist für mich, und die Texte sind wahr.»

Markus Allan legt seine ganze Seele in seine Stimme, um mit dunklen Pathos die tragische Leidenschaft für jene «Lilienblume» zu beschwören; Aki Kaurismäki schwelgt mit geschlossenen Augen, schüttelt dann grinsend den Kopf. «Eigentlich sind viele Tangotexte an der Grenze zur unfreiwilligen Komik. Das Leben kann doch nicht ganz so schlimm sein. Aber die Texte sind nicht komisch. Sie müssen sehr ernsthaft gesungen werden. Der Sänger braucht mehr als eine gute Stimme, um diese Geschichten glaubwürdig zu erzählen; er braucht rauhes Charisma. Und das Wichtigste: Er darf sich beim Singen nicht bewegen.»

Der grösste von allen

Der grösste Tangosänger aller Zeiten war, da sind sich alle einig, Olavi Virta, Finnlands Carlos Gardel und Frank Sinatra in einem. Wie kein anderer heulte er in den vierziger und fünfziger Jahren seine Trauer und seine Einsamkeit, er erlebte immense Erfolge, legendäre Exzesse und Abstürze ins Bodenlose, sammelte Cadillacs, Leidenschaften und Depressionen, soff sich zu Tode und starb verarmt und einsam.

Während der Pause wird Markus Allan von einer Frau angesprochen, deren Mann etwas verlegen im Hintergrund stehen bleibt. Aki Kaurismäki schmunzelt. Sie habe sich sehr gefreut, dass Markus Allan «Liliankukka» gesungen habe, übersetzt er. Er habe dieses Lied bei ihrem ersten Rendez-Vous gesungen, und nun seien sie seit 25 Jahren ein Paar. Markus Allan strahlt erfreut. Das komme immer wieder vor, sagt er dann. «Offenbar ist es meine Rolle als Sänger, gewisse Gefühle auszudrücken, die der finnische Mann auf dem Tanzboden vielleicht aus Schüchternheit nicht zu sagen wagt. Durch den Text des Lieds kann er gewisse Gefühle verständlich machen.»

Aki Kaurismäki auf einem seiner Filmsets. (photo: zvg)

Ein heftiger Regen setzt ein, und es wird kühl, als Markus Allan das zweite Set beginnt. Markus Allan singt Walzer und Foxtrott, er singt «Johnny Guitar» und «Jambalaya», aber er singt auf Wunsch des Publikums nun vor allem Tangos, und jedes Mal, wenn er einen Tango anstimmt, scheint die Zeit still zu stehen und der Regen kurz aufzuhören, und auch wenn man die Texte nicht versteht, spürt man genau, worum es geht, und unweigerlich beginnt man über seine eigenen Gefühle zu sinnieren, man taucht in Erinnerungen ein und spürt die Liebe, die Sehnsucht, die Einsamkeit und den Tod, schwermütig und glücklich zugleich. Aki Kaurismäki spielt nicht länger Barmann, sondern schiebt seine Frau über den Tanzboden.

«Ich tanze nur Tango», hat er kurz zuvor betont. «Der echte Tangotanz ist finnisch. Ein einfacher Tanz. Jeder betrunkene Mann kann Tango tanzen. Je betrunkener er ist, desto langsamer tanzt er. Immer langsamer. Er hält sich fest und geht zwei Schritte. Extrem langsam. In Argentinien ist Tango ein Show-Tanz, Kunst. In Finnland ist er tiefe Emotion. Zwei Menschen tanzen miteinander, füreinander. Die Hälfte der finnischen Ehen wird auf dem Tanzboden beschlossen. Beim Tango. Denn beim Tangotanzen spürst Du, ob Du mit dieser Person leben kannst oder nicht.»

Published on November 14, 2011

Last updated on January 16, 2020

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