Taraf de Haïdouks (Foto: Theresa Beyer)

Taraf de Haïdouks unterm Kronleuchter

Taraf de Haïdouks, die musikalische Familiendynastie aus dem Dorf Clejani südlich von Bukarest, wurde nach allen Regeln des Weltmusik-Marktes zum Inbegriff rumänischer Roma-Musik. Am Samstagabend trat die Band bei der «Nacht der Musik» im Berner Kulturcasino auf. Die Einbettung in den klassischen Konzertkontext, die überholte Suche nach dem vermeintlich «Echten» in der Musik des Ostens und der Zusammenprall der Welten gaben allerlei zu denken.

1989, Clejani, ein 3000-Seelen-Dorf südlich von Bukarest: Aus einem Haus tönen schnelle Rhythmen und improvisierte Melodien, der Boden knarrt unter den Füssen der Tänzer. Schon 30 Stunden dauert das wilde Hochzeitsfest des jungen rumänischen Paars – die Lăutari (= traditionelle Romamusiker) haben Geige, Zymbal, Bass, Akkordeon und Flöte höchstens für das Anzünden einer Zigarette aus den Händen gelegt.

Nicht mal zwei Dekaden später: Über fünf Millionen Aufrufe haben die zwölf Männer der musikalischen Familiendynastie auf YouTube; unter dem Namen Taraf de Haïdouks musizieren sie nun in Filmen mit Johnny Depp und halten awardgekrönt Einzug in klassische Konzertsäle, wie am 16. Juni 2012 in das Berner Kulturcasino.

Taraf de Haïdouks 22:15 (photo: Theresa Beyer)

Vermeintliche Botschafter der Roma-Musik

Was ist in der Zwischenzeit passiert? Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus reisten der Schweizer Musikethnologe Laurent Aubert und die belgischen Musiker Stéphane Karo und Michel Winter nach Rumänien. Karo erinnert sich, wie er das erste mal die Taraf aus Clejani hörte: «Ich kam in dieses abgelegene Dorf und wurde von den Musikern eingeladen, sie waren stolz vor ausländischen Gästen spielen zu können.» 1991, lange vor Ry Cooders Buena Vista Social Club, holten die beiden zukünftigen Manager das Mehrgenerationen-Ensemble in ein belgisches Studio und nahmen mit ihnen das Album Musiques de Tziganes de Roumanie auf. Perfekt erfüllte es die Kriterien der wenige Jahre zuvor konstruierten Kategorie «World Music» und klinkte sich innerhalb kürzester Zeit in die Weltmusik-Charts ein. Mit westlichem Augenmass wurde so die in Rumänien kaum bekannte Taraf de Haïdouks zum Inbegriff der überaus komplexen Musikkultur der Roma.

Das westliche Interesse für die Truppe aus Clejani ist jedoch älter: Schon in der Zwischenkriegszeit hatten Musikethnologen von der dortigen, besonders reichhaltigen Musikkultur gehört und reisten regelmässig zu Feldforschungen in das kleine Dorf. Eine überregionale Sichtbarkeit der Lăutari liess sich aber später nicht mit dem kommunistischen Regime vereinen: Im Ostblock war das Wanderleben der Roma verboten, sie mussten christliche Namen annehmen und ihre Musik wurde stark reglementiert.

Neue Hierarchien

Nimmt man die postkommunistische Geschichte der traditionsreichen Band unter die Lupe, offenbaren sich ganz neue Abhängigkeitsverhältnisse. Nun ist es nicht mehr das Ceaușescu-Regime, sondern es sind die Manager aus Belgien, die entscheiden, wie rumänische Musik zu sein hat. Ins Weltmusik-Image passen muss zum einen der Verweis auf den Ursprung: Und so wird fleissig erzählt vom langen Weg der Roma von Indien in den Iran über die Türkei nach Europa vor über 1000 Jahren. Bewusst sind sich die Musiker, welche Sehnsüchte sie damit in Westeuropa und Nordamerika wecken. So begründete der Violinist Caliu in einem Interview der BBC: «Da Roma-Musik nicht so fremd klingt, erinnert sie die westlichen Hörer an eine verlorene musikalische Tradition. Vielleicht haben sie sich ja auch von den grossen Stars auf ihren Konzertbühnen entfremdet. Wir sind ganz normale Leute, die eben Musik machen.»

Kunstmusik vs. traditionelle Musik

Wohl eine ähnliche Motivation wird hinter der Einladung des Chefdirigenten des Berner Sinfonieorchesters Mario Venzago stecken. Er kreierte für das diesjährige Saisonfinale im Rahmen der leichtfüssig angelegten «Nacht der Musik» einen Konzertabend unter dem Motto «All‘Ungharese» (so genau muss man es ja auch nicht nehmen mit den kulturellen Räumen und musikalischen Traditionen im Osten). Der Aufführung von Kunstmusik mit Bezug zur Doppelmonarchie Österreich-Ungarn folgten ganz unvermittelt die «verwegenen Rhythmen und herzzerreissenden Melodien» (vgl. Pressetext) der Taraf de Haïdouks.

Das «Hohe» und das «Echte»

Die vom BSO gespielten Stücke, unter anderem Dopplers «Ungarische Phantasie», Liszts «Ungarische Rhapsodie» und Bergs «Wozzeck» kommentierte Venzago höchstpersönlich – ausgesprochen ausführlich versteht sich. Den dritten Teil hingegen leitete er lediglich mit den Worten ein: «Was wir als nächstes hören, ist die echte Zigeunermusik». Schliesslich geht es hier ja um die pure Lebensfreude – und die hat eben weder Namen noch Geschichte. Ist dies bloss eine Bildungslücke oder vielmehr Bildungshochmut?

Für mangelndes Fingerspitzengefühl der Gastgeber sprachen auch die akustischen Bedingungen, unter denen die Taraf spielten. Mit der Lautstärke moderner Instrumente für die Orchesterbühne konnten das für intime Räume gedachte Akkordeon, das Zymbal, der Kontrabass, die Geigen und Flöten der Haïdouks nicht mithalten. Auch die Installation von nur zwei Mikrofonen für Flöte, Geige und Gesang schien von dem Kunstmusik-Klangideal eines Solisten im Vordergrund und eines Orchesters im Hintergrund auszugehen.

Marius (photo: Rox Ius/Flickr, 2009)

Akkordeonist Marin Manole «Marius» (Kurzinterview nach dem Konzert):

«Wir spielen balkanische Musik, Musik der Zigeuner, bulgarische Musik, Musik von überall her. Sinfonische Musik wie heute Abend sind wir nicht gewöhnt zu spielen.»

Gheorghe Anghel: «Für uns sind die ernsten Leute, die auf ihren Stühlen sitzen bleiben, Leute welche die Musik wertschätzen, die sehr aufmerksam zuhören. Aber irgendwie ist es auch schade, dass sie sitzen bleiben. Seit über 10 Jahren haben wir immer wieder Publikum, das zum Tanzen aufspringt. Manchmal beobachte ich aber auch Leute, die einfach einschlafen...»

Taraf de Haïdouks 23:00 (photo: Theresa Beyer)

Aber nicht nur akustisch war der Raum inkompatibel: Im hochritualisierten westlichen Konzertkontext wurde eine traditionelle Band ausgestellt, die mit ihrem scheinbar unverdorbenen Charakter einen diffusen «Osten» repräsentieren sollte. Nie tiefer war an diesem Abend der Graben zwischen Bühne und Publikum – vom 13/8-Takt überfordert sassen die Zuhörer 50 aufwärts an den runden Tischen mit den weissen Tischdecken und nippten stumm am Sektglas.

Was geht hier vor sich?

Das Wechselverhältnis zwischen Kunstmusik und traditioneller Musik wurde in den 1920ern mit der «Theorie vom gesunkenen Kulturgut» beschrieben. Aus evolutionistischer Sichtweise ging der deutsche Volkskundler Hans Naumann davon aus, dass die «Oberschicht» Kulturgut erfände, was von der «Unterschicht» übernommen und «popularisiert» werde. Die Theorie stützt sich auf eine Hierachie, welche der Volkskultur innovative Fähigkeiten abspricht. Bei den Taraf de Haïdouks im Berner Kulturcasino ist eine umgekehrte und nicht weniger problematische Dynamik zu beobachten: die «Hochkultur» verhilft dem nach eigenen Massstäben definierten «Populären» zum Aufstieg. Doch das Programm der «Nacht der Musik» lässt sich kaum als ironische Absage an die Innovationskraft der Oberschicht verstehen, sondern soll wohl vielmehr lebendiges Zeugnis der Musikstile sein, denen «unsere» Kunstmusikomponisten einst ihre Klangvorstellungen vom «Osten» entlehnten. Doch hinter dieser Gegenüberstellung lauert sie schon wieder, die Idee einer angeblich zeitlosen, statischen «Volksmusik».

Taraf de Haïdouks 00:00 (photo: Theresa Beyer)

Beim Konzert im Kulturcasino blieb die Zwei-Schichten-Welt getrennt – zumindest bis Mitternacht. Dann stiegen die rumänischen Musiker von der Bühne und mischten sich in die stehende, klatschende Menge im hinteren Teil des Saals. Im pompösen Raum liessen sie ihre eigene kleinere Welt entstehen und wirkten im Gewühle sichtlich erleichtert. Als Befreiung diente schliesslich die leise Melodie, welche der erschöpfte Akkordeonist Marius vorm Betreten des Tourbusses anstimmte – in Vorfreude auf den lang ersehnten Feierabendschnaps.

Published on June 18, 2012

Last updated on January 16, 2020

Biography

Theresa Beyer gehört seit 2011 als Editorin, Kuratorin und Mitherausgeberin des Buches «Seismographic Sounds – Visions of a New World» zum Kernteam von Norient und beschäftigt sich mit Themen wie Queeren Musikkulturen, experimenteller Musik in Städten wie Belgrad oder Neu Delhi, und reflektiert in Vorträgen über die Chancen des multilokalen Kuratierens. Neben ihrer Norient-Identität ist sie Musikredaktorin bei Radio SRF 2 Kultur.
All Topics