Neutral Milk Hotel (photo: Vladimir/Flickr)

Zerbröckelnde Utopien

Zehn Jahre war Jeff Mangum untergetaucht. In dieser Zeit mutierten seine Lieder mit der Band Neutral Milk Hotel zu Hymnen für Trostsuchende und Widerständige. Nun spielen Neutral Milk Hotel wieder Konzerte. Eine Spurensuche.

Er taucht auf wie ein Geist. Ein hünenhafter Geist, ausgestattet mit einem Wollpulli, einer Schirmmütze, halblangen Haaren und einer akustischen Gitarre. Die Akkorde schlägt er hart an, und die Stimme erzählt von Wiedergeburten, von Flugzeugen über dem Meer, die Leichenasche abwerfen und von siamesischen Zwillingen, die in Flaschen eingeschlossen sind und dennoch ein Stückchen Liebe finden werden, irgendwann im Jenseits. Die ZeugInnen dieser Erscheinung singen all diese verklausulierten Erzählungen mit, ergänzen die Bänkellieder mit dem Nachsingen der abwesenden Bläsersätze, und feiern ihren unwahrscheinlichen Propheten, als würde er nach diesem knapp vierzigminütigen Auftritt wieder für zehn Jahre untertauchen. «You guys have done a beautiful fucking thing», sagt er zum Abschied, hier, an diesem Abend im New Yorker Zuccotti Park, wo die Occupy Wall Street-AktivistInnen versammelt sind. Das Handykamera-Bild flackert, die glücklich wirkende Gestalt verschwindet.

Ja, er war es wirklich an diesem Spätherbstabend im Jahr 2011: Jeff Mangum, Sänger und Erfinder der Band Neutral Milk Hotel, der 1998 nach einer langen Tour einfach ausgestiegen ist. Ausgestiegen aus dem sozialen Leben – ohne Abschied von seinen Bandgefährten –, ausgestiegen aus dem Musikgeschäft und der Öffentlichkeit, die ihn zum Genie modulieren wollten, das eine Platte eingespielt hat, die für die Anhängerschaft grösser als das Leben wurde.

«In the Aeroplane Over the Sea» heisst diese Platte, die vor sechzehn Jahren erschienen ist und seither kultisch verehrt wird. Eine Platte, die persönlicher nicht sein könnte. Eine Platte vor allem aber auch, bei der es bei der Fokussierung auf die Person Jeff Mangum – diesen vermeintlichen Syd Barrett der Independent-Generation – um alles geht: Es geht um Gemeinschaft und, so naiv dies klingt in Zeiten der Indie-Unverbindlichkeit, an den Glauben an die Kraft der Musik. «Wir hatten diese utopische Vision, dass wir alles mit Musik überwinden können», sagte Jeff Mangum in einem seiner sehr seltenen Interviews. «Die Musik war nicht nur zur Unterhaltung da: wir versuchten, einen Wechsel herbeizuführen und wünschten, unsere Leben und die unserer HörerInnen zu transformieren».

Das «wir», das beinhaltet neben Mangum seine Bandgefährten Julian Koster, Jeremy Barnes und Scott Spillane – und das Elephant 6-Kollektiv, dessen Spuren in Ruston, Louisiana ihren Ursprung findet. In diesem Kaff, abseits von allem, wuchs Jefferson Nigh Mangum auf. Anziehungspunkt für Auswärtige war das Louisiana Tech College, an dem sein Vater unterrichtet hat. «It’s super redneck», sagt Elephant-6-Mitglied Robert Schneider über das Städtchen, in dem die zugezogenen Lehrersöhne Aussenseiter blieben und die College-Radiostation als einziger Zufluchtsort diente. Hier war vieles offen: die Plattensammlung des Senders konzentrierte sich trendfern auf Jam-Rock-Platten aus den Siebzigern und vermischte sich nach und nach mit den Do-It-Yourself-Aufnahmen eines Daniel Johnston und anderen damaligen Obskuritäten. Neben der Gestaltung des Radioprogramms begannen Jeff Mangum und eine Handvoll Gleichgesinnte zu Beginn der Neunzigerjahre, selber Musik zu fabrizieren. Sie imaginierten Bands mit kurligen Namen, nahmen Kassetten auf und gründeten ein Label als Erkennungszeichen für all ihre DIY-Produkte: «The Elephant 6 Recording Co», abgekürzt Elephant 6. Das Logo war psychedelisch infiziert und zierte bald die Platten und Kassetten von Bands wie Synthetic Flying Machine (den späteren Olivia Tremor Control) und The Apples in Stereo.

Elephant 6 steht seit diesen Anfangstagen für verzettelte, zusammengebastelte und offenherzige, immer aber rätselhafte Musik, die aus der Zeit gefallen ist und als eigener Planet in der Independent-Umlaufbahn zu beschreiben ist. Diese verschlaufte Musik stellte in den Neunzigerjahren eine eigenartige Alternative zum zeitgenössischem Gitarren-Angst-Rock dar, den Nirvana und ihre Erben zelebrierten. So enthielt Jeff Mangums früheste noch verfügbare Kassette als Neutral Milk Hotel namens «Hype City Soundtrack» experimentelle Klangcollagen, übersteuerte Folkfantasien und Versionen von Songs, die später im Ansatz auch auf «In the Aeroplane Over the Sea» auftauchen sollten.

Nichts schien formatiert, nichts fixiert zu den Elephant 6-Gründerzeiten: die Formationen, die Instrumente, die Songfragmente und die Mitglieder flottierten frei, die liebsten Auftrittsorte die Wohnzimmer von FreundInnen waren. Auch die Städte wechselten – Athens, New York City, Denver, wieder Athens. Robert Schneider liess sich beispielsweise in Denver nieder, baute ein Studio und kondensierte Jeff Mangums ausufernde Lo-Fi-Artefakte, die von der Musique concrète eines Pierre Henry wie von alten, exotischen Schellackaufnahmen gleichermassen zerren, zu Songs, die Mangum immer wieder geprobt hat – mit Vorliebe auf der Toilette –, in der Nacht und in Tagträumen herbeihalluzinierte und die auf seiner ersten «richtigen» Platte «On Avery Island» verzerrt schimmern. Der Lärm, die Stille, die Euphorie, die Niedergeschlagenheit, das Chaos und die Ordnung: all das ist bereits vorhanden – wie auch die Bläser, eingespielt von lokalen FreundInnen, die neben Mangums Stimme und der verzerrten Akustik-Gitarre zum Markenzeichen des Neutral Milk Hotel-Sounds werden sollten.

Und doch ist «On Avery Island», erschienen 1996 auf dem Label Merge Records, der späteren Heimat von Bands wie Arcade Fire (die ohne Neutral Milk Hotel nicht möglich wäre), nur eine gern genommene Bonus-Platte, fehlt ihr doch das Transzendente, das grosse Rätsel, das Jeff Mangums nächstes und bislang letztes Werk ausstrahlt.

«In the Aeroplane Over the Sea» erschien im Frühjahr 1998 und scheint aus einer vordigitalen Zeit zu stammen: Tauschbörsen wie Napster existierten noch nicht, College-Radios, Mundpropaganda und Fanzines begründeten den Ruhm, den Mythos, der seit 2005, als die Platte neu veröffentlicht wurde, durch die Online-Kanäle stetig angewachsen ist.

«In the Aeroplane Over the Sea» nimmt auch heute ab dem ersten Ton – den einfach geschrummelten Gitarrenakkorde von «The King of Carrot Flowers Pt. One» – ein. Mangum verkleidet seine Erzählungen über das Dasein auf Erden und im Jenseits in Chiffren, bekennt überdeutlich die rätselhafte Liebe zu Jesus Christus und baut immer wieder Reverenzen zu Anne Frank ein – beispielsweise in der einzigen Single «Holland, 1945», in dem sich Anne in einen kleinen Buben in Spanien verwandelt. Die MusikerInnen toben sich aus – mit singenden Sägen, kakofonischen Bläsern und Instrumenten aus dem Zirkusorchester –, die verzerrten Akustik-Gitarren und Schlagzeuge überschlagen sich. Der Produzent, wiederum Robert Schneider, schneidet die Solostücke von Mangum dazwischen und schafft auf dieser Aufnahme die Kunst, Momente des Überschwangs, der Offenherzigkeit und der Verzweiflung auf Tonband zu bannen und dort für immer zu speichern. Ein Tonband, auf dem auch das Zusammensein von FreundInnen immerzu mitschwingt, als habe man bereits gewusst, dass bald darauf alles ins Bröckeln geraten werde.

Denn was nach der Veröffentlichung von «In the Aeroplane Over the Sea» und der anschliessenden Tour, in der die Band gemäss den Legenden immer aufs Ganze ging, das Publikum begeisterte und durch eine Unzähmbarkeit auch einschüchterte, passierte, war: Nichts. Keine neuen Songs und abgesehen von einer Aufnahme mit Feldaufnahmen, die Jeff Mangum an einem Volksmusikfestival in Bulgarien gemacht hat, auch kaum mehr Lebenszeichen des Sängers. «Have you seen Jeff Mangum?», lautete ein Treppenwitz der jüngeren Musikgeschichte. Die psychische Erschöpfung, die Enttäuschung auch, das doch nicht alles mit Musik überwunden werden kann: sie war schlicht zu gross für den damals 28-Jährigen. Ab 2008 nahm Mangum wieder Kontakt mit der Aussenwelt auf. Er spielte da und dort ein paar alte Lieder, gab 2010 wieder ganze Solo-Konzerte, ehe im vergangenen Jahr die Wiedervereinigung der Band verkündet wurde, die Neutral Milk Hotel in diesem Sommer auch nach Europa führen. Das Umfeld wird neu ein durchmedialisiertes sein – und an vielen Festivals, an denen Neutral Milk Hotel auftreten werden, ist «Indie», das für das Elephant 6-Kollektiv auch wirklich «Independent» und damit eine Haltung wider das Seichte und Unverfängliche einschliesst, längst eine Grossindustrie geworden. Neutral Milk Hotel, die Video-Aufzeichnungen von ihren Auftritten strikt ablehnen, werden die Exoten und gleichzeitig die Ikonen auf diesen Jahrmärkten sein. Und wenn einige doch Bilder einfangen sollten, dann wird man wieder glauben: Hier ist ein flackernder Geist erschienen, der ein «beautiful fucking thing» erschaffen hat.

Kauf-Tipp: Neutral Milk Hotel Box-Set 

Neutral Milk Hotel – Holland, 1945
Neutral Milk Hotel – On Avery Island
Neutral Milk Hotel – Everything Is
Neutral Milk Hotel

Bibliography

Cooper, Kim. 2005. In the Aeroplane Over the Sea (33 1/3). New York: Bloomsbury.

Published on June 07, 2014

Last updated on January 16, 2020

Biography

Benedikt Sartorius ist Musikjournalist und Mitorganisator der Musikfilmreihe «Song & Dance Men».

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