Fanfaren und Lichtgewitter aus Kadebostan

Podcast
by Thomas Burkhalter

Der Elektronika-Produzent Kadebostan lebt in Genf und ist Diktator der imaginären Republik Kadebostan. Er mischt Melodien, Rhythmen, Klänge und Bilder aus Weissrussland und Südosteuropa mit elektronischen Beats und Ohrwurm-Pop.

Einen Namen hat sich Kadebostan zuerst in Deutschland gemacht: als ekstatischer DJ, und als Elektronika-Produzent auf dem Trend-Label «Freude am Tanzen». Dort erschien bereits seine erste Schallplatte in Gold: The Gold Retrospective 2007-2012. Gold, das passt perfekt zu Kadebostan’s erstem Bandprojekt: The National Fanfare of Kadebostan - die Staatskappelle der imaginären Republik Kadebostan.

- What's the best way to represent a culture?
- With music of course!
- So why not create the Fanfare of my country?
(Kadebostan, 2011)

Mat Schulz, Kurator vom Unsound Festival in Krakau, stellt Kadebostan 2008 das weissrussische Kammerensemble Rational Diet vor. Es macht sofort «Klick». Mit Cello, Geigen, Akkordeon, Banjo, Hörnern, Klavier, Gitarren und Elektronika treffen sich die Musikerinnen und Musiker immer wieder zu Sessions und improvisieren im Irgendwo zwischen experimenteller und Neuer Musik, osteuropäischer Volksmusik und Minimal Elektro. Kadebostan nimmt alles auf und produziert aus dem vielfältigen Material die erste gemeinsame CD Songs from Kadebostany (2011 / siehe Review auf Norient.com). Die Entscheide fällt, wer sonst, Kadebostan höchstpersönlich: «Ich bin der Diktator. Kompromisse will ich nicht. Der Final Cut gehört mir. Keiner in der Band hat bislang protestiert», sagt der Perfektionist und Präsident– von Gottesgnaden.

«Walking With A Ghost»

Mit dem Videoclip «Walking with a Ghost» (2012) setzt das Projekt ein prägnantes künstlerisches Statement - gefilmt vom Schweizer Regisseur Steven Blatter und ins Licht gesetzt vom Neuenburger Künstlerkollektiv Supermafia VJ’s. Zwischen Blitz und Schatten posaunt die Staatskappelle hier in einem postmodernen Kostümspektakel.

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Die Protagonisten: Präsident Kadebostan und vier Mitmusikerinnen und Musiker. Sie tragen blaue Napoleon-Uniformen, hohe militärische Stiefel und Breeches-Reithosen. Die Sängerin Amina: im weissen Trägershirt mit Schulter-Epauletten. Drei Ballett-Tänzerinnen, mit Uniform-Jacke und nackten Beinen. Eine Posaunistin mit Militärmütze, Netzstrümpfen und nacktem Oberkörper. Dazu spärliche Requisiten: Zwei Fahnen der Republik Kadebostan; weiss mit rotem, verwaschenem Querstreifen, ein Wappen mit zwei sitzenden Geparden, ein grosses K, und der Schriftzug «Research and Discovery» - stehen sie kurz vor einem imperialistischen Feldzug? Und lange L.E.D Neonlicht-Leuchten, die mal vertikal das Bild in zwei Hälften teilen, horizontal als Ballettstangen dienen, oder auch mal den Körper der Posaunistin in Gegenlicht tauchen.

Auch die musikalischen Elemente sind klar gesetzt: Perlender Klavier-Lauf und Klavier-Begleitung erinnern an strenge Korrepetionen in russischen Ballettsälen. Trommelwirbel, Trompeten-, Posaunen- und Tuba-Fanfaren an militärische Paraden – auch ein wenig an Südosteuropa. Nur dezent flechtet sich die Welt der elektronischen Musik ein: ein paar Subbässe, und milde Soundeffekte, etwas Hall und Echo auf Aminas Soul-Jazz-Ohrwurmstimme. Die Sängerin lockt uns ins Wellental einer schwierigen Liebe – sie singt nostalgisch traurig am Anfang, schreit bald voller Zorn, und improvisiert schliesslich einen verspielt, kindlichen Scat-Gesang.

In drei Kapiteln ohne Wiederholungen entwickeln sich Musik und Liebesgeschichte vorwärts - mit zwei pointiert gesetzten Generalpausen. Protagonisten und Requisiten werden im Wechselspiel angezoomt: Präsident Kadebostan, Ballerinas, Posaunistin, Fahnen, Leuchtstangen, eine beleuchtete Treppe. Ein paar Stroboskop-Effekte, etwas künstlicher Rauch. Alles ist perfekt inszeniert, nichts wirkt überladen. Ein visuelles Spiel mit Symmetrie und Asymmetrie. Musikalisch, ein Ohrwurm.

Die Symbolik des Videoclips könnte provozierend oder abgegriffen wirken, sie bleibt aber kaum greif- oder angreifbar: die Faszination fürs Militär (Uniform, Breeches-Hose, oder die gewaltige Ästhetik); der erotische Frauenkörper, im Halbschatten, oder versteckt hinter Posaune und Tuba; der poetische Balletttanz an den Leuchtstangen. «Walking with a Ghost» formt aus Klischees und Kitsch eine wirkungsvolle audio-visuelle Geschichte. Eine fantasievolle Kunstwelt.

The National Fanfare of Kadebostan

Tiefe Emotionen und Sinneseindrücke

«Ich habe mich nie lokal verankert gefühlt», erzählt Präsident Kadebostan im Interview – im Genfer Exil. Mit Weltmusik aber will er nichts zu tun haben. Um diese Assoziation zu vermeiden, heisst seine Fanfare seit 2012 denn auch bloss noch Kadebostany: «Ich will nicht Musik von hier und dort mischen. Ich will aus Materialien dieser Welt meine eigene Musik schaffen, geleitet von tiefen Emotionen und Sinneseindrücken. Kadebostany soll eine eigene, neue Welt sein».

In Songs of Kadebostany (2011) waren die Referenzen an Volksmusik und «Weltmusik» noch klar zu identifizieren: Ziegen meckern, Kühe muhen, Sängerinnen singen weissrussische Ohrwürmer, gestützt von polyrhythmischer Perkussion. Auf dem Album Pop Collection (erscheint 2013) sind bloss noch die Trommeln und Fanfaren da, spielen aber stärker im Hintergrund. Einprägsam klingt die Soul-Jazz-Stimme von Amina über Synthesizer-Pop.

Live, übrigens, verliert der Präsident derweil Haltung und Hut – und mutiert zum wilden Club-DJ. Es soll viel Wodka fliessen hinter der Bühne – verraten anonyme Dissidentinnen. Die Fanfare spielt auf: zum präzis inszenierten, ekstatischen Trip!

 

Diskographie

The National Fanfare of Kadebostany. Songs from Kadebostany. 2011. Mental Groove
Kadebostany. Pop Collection. 2013. Mental Groove
Kadebostan The Gold Retrospective 2007-2012. 2012. Freude am Tanzen.

The National Fanfare of Kadebostany

Published on January 13, 2013

Last updated on January 16, 2020

Biography

Thomas Burkhalter is an ethnomusicologist and cultural producer from Switzerland. He is the founder and director of Norient – Performing Music Research (norient.com), and artistic director of the Norient Film Festival. Recent main projects include the documentary film «Contradict» (2019), the AV/theatre/dance performance «Clash of Gods» (2018), and the re-launch of Norient (2019). He published the book «Local Music Scenes and Globalization: Transnational Platforms in Beirut» (Routledge), and co-edited «The Arab Avant Garde: Musical Innovation in the Middle East» (Wesleyan University Press).
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