Christine Lauterburg am TFF Rudolstadt 2011 (photo: Theresa Beyer)

Klingende Erinnerungen in der Neuen Volksmusik

Musikerinnen und Musiker wie Christine Lauterburg, Kristina Fuchs oder Fabian Müller sind fasziniert an der musikalischen Vergangenheit der Schweiz und erneuern sie mit genreübergreifendem Elan, Lust am Experiment und durch die Beschäftigung mit vergessenen Traditionen. Welche Vorstellungen von Heimat und Tradition sind damit verbunden? Welche Rolle spielt dabei die Erinnerung? Und kann man auch bei Musik vom kulturellen, kommunikativen und autobiografischen Gedächtnis sprechen? Diese Fragen stellen sich Musikethnologinnen und Musikethnologen, die sich derzeit mit Neuer Schweizer Volksmusik beschäftigen.

Mit einem Besen fegt die Berner Jodlerin und Bratschistin Christine Lauterburg bei ihren Konzerten über die Bühne. Ein alter Brauch? Ein Perkussionsinstrument? Will sie verhexen? Oder ist der Besen einfach nur ein Symbol für Lauterburgs Mission? Sie will die Schweizer Volksmusik «entstauben». Dieses kleine Wörtchen findet sich in zahlreichen Konzertankündigungen, CD-Booklets und Interviews von Musikerinnen und Musikern der Neuen Schweizer Volksmusik. Und es deutet bereits die Haltung der Neuerungsbewegung an, die seit zwei Jahrzehnten die Schweizer Volksmusik aufmischt: So scheint für diese Musikerinnen und Musiker von der Vergangenheit weniger ein nostalgischer Charme auszugehen als vielmehr ein gewisser Mief.

In einer dicken Staubschicht haben sich die auf Bewahrung bedachten Reglementierungen des Eidgenössischen Jodlerverbands festgesetzt, mitsamt aberhundert Folgen von Wysel Gyrs Ländlersendungen und samt patriotischen Liedern über die Alpenidylle in schunkeliger Bierseligkeit.

Der Musikethnologe Dieter Ringli erklärt, woher dieses negative Image stammt: «Es ist lange nichts mehr passiert in dieser Volksmusik. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat man beschlossen sie auf dem Stand der 50er Jahre einzufrieren und das als die Kultur zu pflegen, die es zu bewahren gilt. Dieser hat dazu geführt, dass sich die Bevölkerung im Lauf der letzten fünf Jahrzehnte zunehmend von dieser Musik abgewendet hat. Und in den Siebziger Jahren wurde die Volksmusik dann politisch vereinnahmt, was den Zugang nicht unbedingt erleichtert hat.»

Diese (Klischee-)Bilder empfinden die Musikerinnen und Musiker der Neuen Volksmusik als lähmend: Einerseits wollen sie Schweizer Volksmusik neu bewerten – als etwas zeitgemässes, lebendiges und urbanes. Andererseits ist ihnen bestens bewusst, dass sie wohl lange fegen können: Unter der Staubschicht wird nie eine «ursprüngliche» Volksmusik hervor schimmern.

Aus einer tief diffusen Vergangenheit

Denn Schweizer Volksmusik ist gar nicht so alt wie sie scheint, erzählt Dieter Ringli: «Das Alphorn kam in der heutigen Form und Grösse erst Ende des 19. Jahrhunderts auf. Ländlermusik erlebte in den 1920er Jahren einen grossen Aufschwung, weil sich Städter nach einer ländlichen Idylle sehnten. Zur gleichen Zeit entstanden die ersten Jodellieder, deren national-patriotische Bedeutung in der Phase der geistigen Landesverteidigung verstärkt wurde.»

Dass die Schweizer Volksmusik konstruiert ist, wissen auch die Musikerinnen und Musiker der Neuen Schweizer Volksmusik – doch dies steht für sie nicht im Widerspruch zu ihrer Vorstellung von Kontinuität. Im Norient Artikel Die Schweizer Volksmusik als Experimentierfeld bezeichnet der Musikethnologe Dieter Ringli dieses Gefühl als den Glauben an einen Mythos: «Der Glaube an diesen Mythos existiert und wirkt unabhängig von seinem Wahrheitsgehalt. Wir können nicht umhin, diese Art von Musik als schweizerisch gelten zu lassen, weil sie im In- und Ausland für schweizerisch gehalten wird.»

Auch wenn die Geschichtsbücher anderes erzählen, sehen die Musikerinnen und Musiker Schweizer Volksmusik also als eine Musik, die eine diffuse, weit zurückliegende Vergangenheit in sich aufgenommen hat. Der Entstehungsmoment dieser Musik scheint schon längst in einer mythischen Urzeit verblasst zu sein. Eine Wahrnehmung, die typisch ist für das kulturelle Gedächtnis - so bezeichnen die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann und der Ägyptologe Jan Assmann «die Tradition in uns».

Dabei entsteht der Eindruck, dass der Zeitstrahl nach vorne offen ist: Die Musikerinnen und Musiker der Neuen Volksmusik sehen sich in der Rolle, sich Schweizer Volksmusik aus der Vergangenheit in der Gegenwart anzueignen und sie so weiter in eine Zukunft zu tragen. Sie gestalten überlieferte Inhalte neu und schlüpfen damit nicht zuletzt in die Rolle der Bewahrerinnen und Bewahrer: wenn diese mit «Schweiz» besetzte Musik «vergessen» geht, könnte Identitätsverlust und Entfremdung drohen.

Guggisberglied weckt Erinnerungen

Indem die Musikerinnen und Musiker der Neuen Schweizer Volksmusik traditionelle Musik neu interpretieren, variieren und in Referenzen vergegenwärtigen, knüpfen sie – wie Aleida Assmann es nennt – neue Fäden im Netz des kulturellen Gedächtnisses.

Im Geflecht aus Erinnerungen verorten sie sich aber auch auf ihren Konzerten, zum Beispiel wenn sie das autobiografische Gedächtnis ihres Publikums aktivieren. Nehmen wir ein konkretes Beispiel: Auf ihren Konzerten interpretieren die Berner Jodlerin Christine Lauterburg und das Trio Doppelbock das Guggisberglied. Ein Grossteil ihrer in der Schweiz aufgewachsenen Zuhörerinnen und Zuhörer können dieses Lied aus ihrem autobiografischen Gedächtnis abrufen, weil sie es in ihrer Kindheit gelernt haben. Manchen – die sich an unbeschwerte Stunden in der Landschulwoche erinnern – mag dies das Konzerterlebnis versüssen. Bei anderen löst das Lied vielleicht eine Erinnerung an die peinliche Situation aus, als sie es im Musikunterricht vor der kichernden Klasse vorsingen mussten.

Ein Lied, eine Melodie, ein Sound schleppt also nicht nur im grossen, übergeordneten kulturellen Gedächtnis, sondern auch in der persönlichen Erinnerung eine Bagage an Bedeutungen und Emotionen mit. Im Moment des Erinnerns wird sie aufgemacht und ihr Inhalt neu geordnet, interpretiert und bewertet.

Viele Erinnerungen, ein Gemeinschaftsgefühl

Im Konzert von Christine Lauterburg und Trio Doppelbock schliessen sich viele autobiografische Erinnerungen zusammen und kreieren ein Gemeinschaftsgefühl: Zuhörerinnen und Zuhörern, denen das Lied vertraut ist, signalisieren dies im Konzert oft durch leises Mitsingen oder einen Zwischenapplaus. Unter sich handeln sie also Nähe und Fremdheit aus: Wer hier auch nickt, mitsingt oder klatscht ist Insider und wird in die temporäre Erinnerungsgemeinschaft aufgenommen.

Auch innerhalb des autobiografischen Gedächtnisses finden Verhandlungen statt und werden Fäden neu geknüpft: Christine Lauterburg wird nie die Version des Guggisbergliedes singen können, die Zuhörerin XY von ihrer Mutter gelernt hat. Lauterburg hat ihre eigene Version von der Vergangenheit und packt sie in ein modernes Kleid: Dide Marfurt (Drehleiher), Matthias Lincke (Geige) und Simon Dettwiler (Schwyzzerörgeli) begleiten die Gesangslinie mit sich wiederholenden Pattern. Sie beschleunigen das Lied ungewohnt und verlagern es in den Bereich von Pop oder Minimal Music. Wenn Lauterburg und das Trio Doppelbock ihre Zuhörerinnen und Zuhörer mit ihrer spezifischen Interpretation des Liedes konfrontiert, setzt dies innere Vergleiche in Gang – die gehörte Version reibt sich an der Version aus der Kindheit. Beide treten gegeneinander an: Vermag die neue Hörerfahrung vielleicht sogar die Erinnerung zu überlagern? Oder ist die Version aus der Kindheit stärker?

Aus dem Speicher geholt

Das Guggisberglied kann ganz konkrete Erinnerungsräume öffnen. Aber manchmal ist auch schon ein bestimmter Sound – wie der eines Hackbrettes – das Schlupfloch ins autobiografische Gedächtnis. Oder ein Rhythmus weckt Erinnerungen: wenn sich zum Beispiel ein Zuhörer, der in der Obermarch im Kanton Schwyz aufgewachsen ist, durch die speziellen Punktierungen der Jazzband von Pirmin Huber an das Schwyzzerörgeli-Spiel seines Grossvaters erinnert fühlt. Zwar wollen die Musikerinnen und Musiker der Neuen Schweizer ihr Publikum an das «Eigene» erinnern. Gleichzeitig wollen sie aber auch überraschen und versuchen, möglichst unbekannte Lieder, Melodien und Motive als Vorlagen für ihre Interpretationen zu finden.

Um ihre Repertoires möglichst individuell und abwechslungsreich zu gestalten, schöpfen die Musikerinnen und Musiker der Neuen Schweizer Volksmusik nicht nur aus dem autobiografischen, sondern auch aus dem Speichergedächtnis. Damit bezeichnen Jan und Aleida Assmann Überlieferungspoole wie Archive, beispielsweise das Schweizerische Volksliedarchiv in Basel, oder Sammlungen wie die 2002 erschienene Hanni Christen-Sammlung. Die Musikerinnen und Musiker wählen einige der dort schlummernden Texte und Noten aus und überführen sie wieder in das kommunikative Gedächtnis – so nennen Jan und Aleida Assmann die mündliche Weitergabe von persönlichen Erfahrungen in einer überschaubaren Gemeinschaft.

Ungefähr 80 Jahre, also über drei Generationen hinweg, kann dieses Gedächtnis Erinnerungen festhalten. Viel Volksmusik der Vergangenheit war nur im kommunikativen Gedächtnis gespeichert, erzählt Johannes Rühl. Von der schlechten Quellenlage lassen sich die Musikerinnen und Musiker der Neuen Schweizer Volksmusik aber nicht bremsen: «Sie wollen in der tieferen Vergangenheit kramen und interessieren sich für die Musik, die vor den Festschreibungen Anfang des 20. Jahrhunderts z.B. durch den Jodlerverband gespielt und gesungen wurde. Gerade weil so wenig erhalten ist, sind sie angeregt, etwas Neues aus dem Altem zu machen. Dem Alten, das man gar nicht so gut kennt.»

Text: trad. / Musik: Fabian Müller

Ein Beispiel sind die Helevetic Fiddlers. Sie stopfen die Löcher der Erinnerung mit musikalischer Phantasie: Die verschollenen Melodien zu alten Balladentexten haben sie nach ihrem Gusto neu komponiert – «urchiges» Flair vermitteln diese Melodien trotzdem. Alt und neu geraten in der Neuen Schweizer Volksmusik also gehörig durcheinander und die Hörerin und der Hörer kann sie kaum noch voneinander zu trennen.

Klingende Erinnerungen

Auch beim Generieren «neuer alter Musik» aus Sammlungen mischt das autobiografische Gedächtnis mit. So erzählt die Jazzsängerin Kristina Fuchs, dass sie sich bei ihren Interpretationen der Volkslieder aus Otto von Greyerz‘ Sammlung Im Röseligarte nicht nur am Gedruckten orientiert: «Manchmal habe ich ein paar Strophen weggelassen oder die Texte lieber so gesungen, wie ich sie selbst in Erinnerung hatte. So, wie sie mir meine Eltern als Kind bei langen Autofahrten oder beim Wandern beigebracht haben.» Nicht nur das Speichergedächtnis und das autobiografische Gedächtnis verschränken sich hier – sondern auch Formen der mündlichen und schriftlichen Überlieferung.

Kristina Fuchs‘ Interpretationen von Liedern wie «Anneli wo bist gestern gsi» oder «Schönster Abestärn» sind sehr weit von allen Hudigäggeler-Klischees entfernt: Sie begleitet sich selbst am Hang, setzt elektronische Mittel wie das Loopgerät ein und interpretiert frei über Text und Melodie. Sie arbeitet also vor allem mit Erinnerungsspuren, wie Johannes Rühl es nennt: «Die Musikerinnen und Musiker der neuen Volksmusik streuen in ihre Musik positiv besetzte Erinnerungsspuren ein. Sie spielen mit Sounds und Bildern und zeigen eine Lust auf Heimat, grenzen sich aber gleichzeitig vom traditionellen, ländlichen Heimatbild ab.»

Musik, insbesondere Volksmusik, wird in der wissenschaftlichen Debatte um kollektives Gedächtnis und Erinnerung meistens sträflich vernachlässigt. Johannes Rühl kann das nicht verstehen: «Wir sind vollgezogen mit Erinnerungen und da ist Musik ist ein ganz wichtiger Teil davon.» Und dabei teilen Musik und Erinnerung viele Eigenschaften: Bei beiden ist die Echtheit beziehungsweise der Wahrheitsgehalt nur schwer zu überprüfen – erschliessen sich doch die Bedeutungen für die eigene Identität weniger aus den Tatsachen an sich als aus deren Bewertungen.

Erinnerungen und (Volks-)Musik verweisen beide auf die Vergangenheit und sind nie statisch, sondern in einem ständigen Fluss. Und nicht nur beim Erinnern wird das Bild der Vergangenheit in der Gegenwart neu geformt. Auch Musik ist eine Zeitkunst, die in der Gegenwart entsteht und sich dann wieder verflüchtigt. Vielleicht hat sie im Gedächtnis Spuren hinterlassen und kann dann beim Wiederhören Gefühle auslösen. Bestenfalls sorgt das dann auch dafür, dass ein wenig Staub aufgewirbelt wird.

Published on June 09, 2014

Last updated on January 16, 2020

Biography

Theresa Beyer gehört seit 2011 als Editorin, Kuratorin und Mitherausgeberin des Buches «Seismographic Sounds – Visions of a New World» zum Kernteam von Norient und beschäftigt sich mit Themen wie Queeren Musikkulturen, experimenteller Musik in Städten wie Belgrad oder Neu Delhi, und reflektiert in Vorträgen über die Chancen des multilokalen Kuratierens. Neben ihrer Norient-Identität ist sie Musikredaktorin bei Radio SRF 2 Kultur.
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