Selbst Skulpturen sind manchmal einsam (photo: Pxhere, 2018)

Einsamkeiten und Verfall

Soziale Gefüge benötigen beides: Zusammenhalt und Platz für den Einzelnen als Einzelnen. Ist diese Balance noch gegeben? Letztlich verhält es sich ambivalent: Vereinzelung wird als Gefahr erlebt, Einsamkeit jedoch auch als Befreiung. Aktuelle Musikvideos zeigen das Ringen um eine soziale Positionierung. Aus dem Norient Buch Seismographic Sounds (hier bestellbar).

Norients Anfrage für einen Text zum Musikvideothema Einsamkeit war mit der Frage verknüpft, ob «Einsamkeit wirklich ein Thema ist, das die Musikschaffenden beschäftigt». Vor Sichtung der von Norient ausgewählten aktuellen Musikvideos schien es mir, das Thema würde womöglich eher das Publikum beschäftigen. Denn die Entsolidarisierungsstrategien des Neo-Liberalismus zielen ja darauf, vereinzelnd jeden gegen jeden loszulassen, zum Wohle des Kapitals. Digitale Egopornobastelstuben wie Facebook und Instagram liefern dafür den traurigen Beweis in Selfieform. Mithin vermutete ich: bei dem Thema könnten sich Musikschaffende sicher sein, ihr Publikum gut abzuholen. Denn es ist schon da: in der Einsamkeit.

Nach Sichtung der Musikvideos ergab sich dann ein entsprechendes und doch etwas anderes Bild. Denn es handelt sich um ganz verschiedene Einsamkeiten. Sie haben unterschiedliche Ursachen und Kontexte. So macht es für die Bewertung des Phänomens einen Unterschied, ob Einsamkeit erwünscht ist oder gemieden werden soll. Zumal Einsamkeit nicht nur ein soziales (Negativ-)Phänomen ist. Einsamkeit inmitten vieler Menschen ist ein Phänomen, dem man ebenso positiv1 wie negativ gegenüberstehen kann.2 Und was ist mit Einsamkeiten, die gänzlich ohne Menschen auskommen, wie die Landschaften und Tiere bei Eric Holm?3 Was ist mit gewünschter Einsamkeit? Dem eigenen Tod, wie bei Mondkopf,4 oder dem Tod anderer, wie bei Willis Earl Beal,5 der eine befreiende Einsamkeit erzeugt?

Partikularisierung als Haupttendenz

Auf den ersten Blick ist eine thematische Zersplitterung der Phänomene zu verzeichnen. Nicht immer ist Einsamkeit dabei das Hauptthema, oftmals handelt es sich nur um einen Aspekt von gewichtigeren Themen wie Liebe, Krankheit oder Tod. Vom albtraumartigen Gejagtwerden von unsichtbaren Feinden,6 dem Sich-Verlieren in sozialen Rollen und Maskierungen,2 den vergessenen Menschen, die erschöpft die Linie einer Mailänder Strassenbahn bevölkern,7 der unheimlichen Einsamkeit auf einer verlassenen Strasse im nächtlichen Wald, changierend zwischen Caspar David Friedrich und Blairwitch Project,8 der zufriedenen Einsamkeit des älteren Mannes auf seinem Board im Meer,9 dem Astronauten, der planetensehnsüchtig auf der Erde herumstreift,10 der sexuellen Einsamkeit im Gender Trouble,11 über die robotische Einsamkeit,12 die imaginierende Einsamkeit13 bis hin zur minimalistischen Einsamkeit14 – all diese Einsamkeiten sind unterschiedlich motiviert. Sie werden bereits in den Videos von den Betroffenen oder Agierenden unterschiedlich bewertet, und so mit Sicherheit auch von den Betrachtern. Die Videos spiegeln dabei die diagnostizierte gegenwärtige soziale Vereinzelung sowie das Fehlen von sozialen Bindemitteln.

Zwar lassen sich kleinere thematische Cluster bilden, wie etwa zu den Themen pubertäre Einsamkeit15 16, Liebeseinsamkeit8 17 18 beziehungsweise die Annäherungen und Distanznahmen beim Pas-de-Deux mit dem Auflösen von Einsamkeit in Zweisamkeit und umgekehrt19 20 21 oder Einsamkeit wegen Drogenkonsums.22 23 24 Doch umfassendere, klare Tendenzen lassen sich so noch nicht dingfest machen. Eher ist die Absenz von deutlichen Tendenzen als Zeichen von Partikularisierung die klarste Haupttendenz.

Die Einsamkeit des Vergessens

Erst auf einem abstrakteren Niveau könnte man von einsamkeitsrelationierten Tendenzen sprechen. Eine derartige Tendenz wäre die Auffassung von Musik als Gegenwelt oder als Welt in der Welt. Es verhält sich ähnlich wie beim Musikhören in der Stadt mit Kopfhörer: Die natürlichen Geräuschquellen werden ausgehebelt, eine artifizielle und fremde musikalische Geräuschumgebung wird der erlebten visuellen Welt beigestellt. Musik kann hierbei als trennende Kraft wirken, lösend von banalem Alltag, sogar magisierend. Beispiele dafür wären Stromae17 und Kwab.25 Einwenden liesse sich: Das gilt per se für alle Musikvideos, die akustisches Geschehen von visuellem Geschehen entkoppeln, nicht nur für diejenigen, die Einsamkeiten thematisieren. Nur wird bei letzteren das Phänomen geradezu verdoppelt, weil es strukturell (akustisch-visuell) und thematisch erscheint. Das wäre dann die Einsamkeit des Musikvideos qua medialer Struktur, welche jene der behandelten Themen verstärkt.

Eine weitere umfassendere Tendenz ist jene zur selbstfixierten Einsamkeit. Sie erscheint in mehreren der Videos, oftmals verbunden mit Tanz.26 27 28 10 29 17 Auch diese Einsamkeit kann unterschiedlich motiviert sein. Was jedoch auffällt, ist das Sich-Drehen um sich selbst, die Selbstfixation, die ein Zugehen auf andere einschränkt oder gar verhindert. Die selbstfixierten Momente in den Videos verweisen dabei wiederum auf die Vereinzelung als Anschlussunfähigkeit in sozialen Gefügen. Vielleicht ist es jedoch auch sinnvoller, sich jener Fälle besonders anzunehmen, die eine spezifische Atmosphäre schaffen oder eine speziell intensive Atmosphäre. Etwa die groteske Einsamkeit einer singenden Reinigungskraft bei August Schram.30 Oder die prollig-tragische Einsamkeit bei Koudlam.31 Hier wird der selbstfixierten Einsamkeit von Menschen in der Menge die Monotonie des Textes beigefügt. Zu sehen sind Menschen, die zusammen sind und doch isoliert, die emotionalen Ausdruck suchen, der doch nur in Leer- oder Klischeeformeln zerfällt. Wir sehen eine Feierkultur mit einer (Selbst-)Vergessenheit, die in einer Einsamkeit des Vergessens – und nicht in einem Vergessen der Einsamkeit – mündet.

Filmstill: Max Cooper feat. Kathrin deBoer (Music), Henning M. Lederer (Video): «Numb» (Great Britain 2013)

Zuletzt sei Max Cooper32 herangezogen. Das Video zeigt den Idealmenschen 4.0: vernetzt, selbstoptimiert, überwacht und konsumierend. Der Mensch ist dabei nicht nur Teil eines Räderwerks, er erscheint selbst als Räderwerk. Die Entmenschlichung des Menschen ist dabei die Einsamkeit, um die es hier geht: Die Einsamkeit der scheinbar idealen Maschinerie. Nicht nur diese verweist auf den neoliberalen Kapitalismus, der von Videos wie bei The Bug33 in eine verfallende post-kapitalistische Dystopie überführt wird. Nimmt der sozial isolierte Räderwerk-Mensch seine Wirklichkeitsdroge in Pillenform einmal nicht, so bricht die Matrix sogleich auf fulminante Weise zusammen, den faulen Zauber in seiner verfallsträchtigen Fäulnis offenbarend.

  • 1. The Gregory Brothers: «DJ Play My Song (No, Leave Me Alone)»
  • 2. a. b. Ariel Pink: «Picture Me Gone»
  • 3. Eric Holm: «Stave»
  • 4. Mondkopf: «We Watched the End»
  • 5. Willis Earl Beal: «Evening’s Kiss» (unofficial video)
  • 6. alt-J: «Hunger of the Pine»
  • 7. Avatism feat. Federico Rizzo: «Laments»
  • 8. a. b. Cubby: «Steady Now»
  • 9. Christophe Calpini: «Descent»
  • 10. a. b. Merz: «Postcard From a Dark Star»
  • 11. Iceage: «Against the Moon»
  • 12. Damon Albarn: «Everyday Robots»
  • 13. Flying Lotus: «Tiny Tortures»
  • 14. Olimpia Splendid: «Jukka-Pekka»
  • 15. Goldfrapp: «Annabel»
  • 16. Lil Silva: «Mabel»
  • 17. a. b. c. Stromae: «Formidable»
  • 18. SZA: «Babylon»
  • 19. Colin Stetson: «Who the Waves Are Roaring For»
  • 20. Oceaán: «Veritas»
  • 21. Sigur Rós: «Valtari»
  • 22. Adana Twins: «Strange (Acid Pauli & NU Remix)»
  • 23. All Leather: «An Insufficient Apology»
  • 24. Jaloo: «Bai Bai»
  • 25. Kwabs: «Pray For Love»
  • 26. Baby Alpaca: «Sea of Dreams (Turbotito Remix)»
  • 27. Flume & Chet Faker: «Drop the Game»
  • 28. Lump200: «LaMoon – Beata Version»
  • 29. Sia: «Chandelier»
  • 30. August Schram: «August sings M.-A. Charpentier Triste Déserts»
  • 31. Koudlam: «Negative Creep»
  • 32. Max Cooper feat. Kathrin deBoer: «Numb»
  • 33. The Bug: «Function / Void»

Dieser Text wurde erstmals publiziert im zweiten Norient Buch «Seismographic Sounds».

Published on May 09, 2018

Last updated on January 18, 2020

Biography

Holger Lund is since 2011 a professor for media design at the DHBW Ravensburg (Baden-Wuerttemberg Cooperative State University Ravensburg) and a curator and dj living in Berlin. He has finished his PhD on Max Ernst’s collage novels in 2000. From 2008 to 2011 he was visiting professor for theories of design at Pforzheim University of Applied Sciences, School of Design.

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