Nashville (photo: Adam Simmons/Flickr)

Die braven Rebellen aus Nashville

Nashville, im US-Bundesstaat Tennessee, ist seit den fünfziger Jahren bekannt als «Music City, USA». Und in der Tat schallt aus jeder Ecke Country Music, Bluegrass und Hillbilly. Ein Reisebericht und ein Versuch, das Phänomen des Country zu enträtseln.

«Our houses are protected by the Good Lord and a gun, and you might meet ’em both if you show up here not welcome, son», ertönt die Stimme von Josh Thompson aus dem Radio. Auf dem endlos langen Highway zwischen dem mächtigen Mississippi River und den Great Smoky Mountains, welche jeweils die West- und Ostgrenzen von Tennessee bilden, scheint man prinzipiell nur zwei Sorten von Sendern empfangen zu können. Auf den einen bequasseln einen irre fundamentalistische Christen mit mäandernden Predigten, auf den anderen läuft ausschließlich Country-Musik. Letztere, definitiv das kleinere Übel, wiederholen in hypnotischen Intervallen die jeweiligen Saison-Hits.

Leuchtreklame von Betty Boots (photo: Carl Melchers)

Memphis, dessen Sun Records Company sich stolz als der Ort, «wo Rock’n’Roll geboren wurde», bezeichnet, wirkt so, als hätte es seine besten Zeiten bereits gesehen. Die Innenstadt ist leer und verlassen, das szenige Vergnügungsviertel künstlich und touristisch. Sehenswert ist wirklich nur das Bürgerrechtsmuseum, ein beeindruckender Komplex, bestehend aus dem Lorraine Motel, vor dem Martin Luther King am 4. April 1968 ermordet wurde, einem Museumsanbau und dem Haus, von dem aus die tödlichen Schüsse abgefeuert wurden. Rock’n’Roll scheint jedenfalls in Memphis heute so tot zu sein wie Martin Luther King oder jener andere King, der hier auf dem Grundstück seiner Graceland-Villa die Radieschen von unten bewundert, falls ihn nicht doch irgendwelche Aliens entführt haben.

Nashville pulsiert

Ganz anders hingegen Nashville, das Mekka der Country-Liebhaber, mit seiner vibrierenden Musikszene. Der Stadtkern ist umgeben von einem sechs- bis achtspurigen Autobahnring, von dem aus letztlich jede Straße irgendwann zu jener breiten Verkehrsachse führt, die sich einmal quer durch den Stadtkern zieht und «Broadway» heißt.

Nashvilles Kneipenmeile Broadway (photo: Malcolm McGregor, http://malcolmmacgregorphotography.com)

Vom Broadway schlägt auch der sanfte aber kräftige Puls einer Stadt, in deren Ballungsraum knapp 1,7 Millionen Menschen unterschiedlichster Herkunft leben. Tagsüber kann man sich hier in Billy Joe’s Tattoo-Studio die ganze Palette von Biker- und Outlaw-Motiven in die Haut stechen lassen. In den anliegenden Läden wird abwechselnd entweder das komplette Sortiment von Cowboystiefeln, -hüten, Bluejeans und wildledernen Fransenjacken oder alle nur erdenklichen Arten von Gitarren, Akustikgitarren, E-Gitarren, Gitarren mit doppeltem Gitarrenhals in allen möglichen Farben, aber auch klassisch schlicht und schwarz zum Verkauf angeboten. Beliebt sind auch Souvenirläden. Dazwischen kann man sich in allerlei Bars und Clubs Alkohol einschenken lassen.

Fast den ganzen Tag lang wird Live-Musik gespielt. Überhaupt scheint es hier am Wochenende so viele Musiker wie schlichte Flaneure zu geben. Die Stadt ist so voll mit aspirierenden Country-Stars, dass man sie nicht einmal im hier praktizierten fliessbandmässigen Akkord auf sämtlichen Bühnen entlang des Broadways unterbringen kann, weshalb sie dann auch an jeder Strassenecke stehen, lauthals singen und ihre Gitarren schrubben. Zwei Teenager, die aussehen, als könnten sie die nahe gelegene Hume-Fogg Academic Magnet High School besuchen, haben sogar ein Schlagzeug dazu aufgebaut und spielen einen etwas rockigeren Bluegrass.

Strassenmusik unterm Tattoo-Studio (photo: Carl Melchers)

Kinder der Nacht

So richtig los geht die Party aber erst, wenn es dunkel wird. Die Menschenmengen auf der Strasse sind dichter gedrängt und wirken inzwischen auch deutlich alkoholisierter. Die Familien mit Kindern, die tagsüber noch das Straßenbild beherrschten, sind verschwunden. Dafür sind sehr viel mehr stiernackige Footballspielertypen unterwegs. Rocker in Lederkutten fahren ihre Harley Davidsons vor und dicke Stretchlimousinen, in denen vermutlich irgendwelche steinreichen wichtigen Musikproduzenten sitzen, fahren statusbewusst langsam die Straße auf und ab. Vielleicht sind es auch nur College-Kids mit reichen Eltern, die sich so eine Karre für ein paar Stunden gemietet haben, um sich am Broadway absetzen zu lassen und einen Auftritt wie ein Star zu haben.

In den Bars haben längst die weniger bekannten Nachwuchstalente für die angesagten Acts die Bühne geräumt. Als der beste Laden erweist sich eine eher unauffällige kleine Bar mit dem Namen Layla’s Bluegrass Inn. Zunächst tritt dort eine unglaublich schnelle «Speed-Billy»-Formation auf, also Hillbilly-Musik auf Speed. Ihr hektischer Frontmann mit den fettigen, schulterlangen blonden Haaren singt nicht nur und spielt gleichzeitig auf einem kleinen Western-Piano, sondern führt dabei noch allerlei akrobatische Kunststücke auf. Er springt auf seinem Klavier herum und traktiert die Tasten dabei aus den unmöglichsten Positionen, erst mit den Händen dann mit seinen in Cowboystiefeln steckenden Füßen. Zuletzt verbindet er sich sogar mit seinem Stirnband die Augen und spielt blind, rückwärts auf seinem Klavier sitzend.

Brandon Giles spielt akobatisch im «Layla’s Bluegrass Inn». (photo: Carl Melchers)

Die Zuschauer sind in bester Stimmung, aber Zugaben lässt der streng dreinblickende Manager von Layla’s Bluegrass Inn nicht zu. «No exceptions», auch nicht für Klavier spielende Akrobaten mit verbundenen Augen. Als nächstes tritt dann nach einer atemberaubend kurzen Umbauphase eine wesentlich langsamere Band auf. Ihre etwas punkig-hippiemäßige Leadsängerin spielt zwar eher mäßig Gitarre und macht keine Tricks, aber dafür hat sie eine viel schönere Stimme als der zappelige Pianoakrobat. Sie singt von zerstörten Beziehungen und der grossen Liebe, während sie verträumt in die Ferne schaut. Dazu trägt sie natürlich die obligatorischen Cowboystiefel, die so authentisch abgetragen sind, dass einer davon vorne mit grauem Gaffaband umwickelt werden musste. So viel Outlaw-Glamour, das Publikum scheint es zu mögen.

Ritterschläge

Auf der anderen Straßenseite sitzen die beiden Schuljungen mit dem Schlagzeug und der Rock­gitarre auf der Treppe des inzwischen geschlossenen Tattoo-Studios. Sie haben aufgehört zu spielen und träumen nun davon, endlich auch von einem der Musikproduzenten in seine Limo gebeten zu werden, ganz gross rauszukommen und auf der Bühne der «Grand Ole Opry» aufzutreten. «Das wäre mein Traum», sagt Jessie, der Schlagzeuger, «auf der selben Bühne zu spielen wie Elvis». Die Grand Ole Opry ist eine weitere Legende in Nashville, eine live im Radio und Fernsehen übertragene Bühnenshow, die seit 1974 im Grand Ole Opry House aufgeführt wird, aber eigentlich aus der wöchentlichen Country-Radiosendung «Barn Dance» aus dem Jahre 1925 stammt.

Längst kann man die Show auch im Internet verfolgen. Ein Erstauftritt in der Grand Ole Opry ist in der Country-Szene so etwas wie der Ritterschlag. Wobei ja eigentlich gerade Elvis Presley bei seinem einzigen Grand-Opry-Auftritt am 2. Oktober 1954 eine ziemliche Abfuhr kassierte. Der damalige Opry-Manager Jim Denny, dem Elvis’ anstößige Hüftbewegungen und die innovative Fusion seiner Musik mit dem «schwarzen» Rhythm and Blues offenbar gar nicht behagten, empfahl ihm, er solle «nach Memphis zurückkehren und wieder LKW fahren» und sich am besten nie wieder blicken lassen. Heute ist aber auch die Grand Ole Opry deutlich innovationsfreundlicher geworden. Hätten sich dort nicht doch neue Trends gegen die Puristen und Traditionalisten durchgesetzt, wäre sie vermutlich längst Geschichte.

Ruhm und Ehre

Die höchste Auszeichnung, die einem im Country-Musik-Business als Musiker, Songwriter oder Produzent widerfahren kann, besteht aber in der Ehrung in Nashvilles Country Music Hall of Fame, in der seit 1961 die jährliche Apotheose ins Pantheon der Country-Göttinnen und -Götter stattfindet. Zu den so geehrten zählen unter anderen Jonny Cash, Loretta Lynn und Willie Nelson.

Seit 2001 findet die Ehrung in einem gigantischen Neubau etwas südlich des Broadways statt, dem neben der Hall of Fame auch ein Museum und ein Archiv angeschlossen sind. Das Ganze hört dann auf den holperigen Namen «Country Music Hall of Fame and Museum». Die Hall of Fame lohnt sich natürlich nicht zu sehen, wie alle Popkulturtempel, die sich so nennen, aber das Museum ist dafür der Knaller.

«Komisches Genre, der Country», denke ich mir, während ich auf der Wiese vor Nashvilles Parthenon sitze. Etwas östlich des Stadtkerns, im Centennial Park wurde 1931 eine detailgetreue Betonkopie des Athener Parthenon in voller Größe fertiggestellt, der auch nicht so kaputt ist wie das Original in Griechenland, aber das nur nebenbei. Ich verspeise einen so genanten snowball, der aus mit buntem Sirup übergossenem Eis besteht und in kleinen Pappkegeln ähnlich einer Eiswaffel serviert wird. Und während ich vom Sirup eine ganz blaue Zunge bekomme, versuche ich das Phänomen «Country» zu enträtseln.

Einerseits erscheint diese Musikart auf die schmierigste Art und Weise brav und wertkonservativ, andererseits gibt es auch eine ehrliche, rebellische Komponente. Diese ist irgendwo zwischen einem christlich inspirierten Humanismus und einem tendenziell reaktionären Proletenkult angesiedelt. Es ist ein Rebellentum mit Herz für die Verlierer, nicht zuletzt, weil ab 1861 die Südstaaten erst die rebels und dann die Verlierer waren im Krieg um die Sklaverei, die sie ja gerne fortgeführt hätten. Entsprechend wird Country bis heute als «weisse» Musik wahrgenommen – von Weissen für Weisse.

Das Ganze wird dann häufig wieder durch eine subtile Form von «sich selbst nicht immer so furchtbar ernst nehmen» unterlaufen, indem sämtliche kitschigen Klischees so dick aufgetragen werden, dass man es irgendwie wieder witzig finden muss. Songs wie «Way Out Here» von Thompson mögen, wenn auch nicht ohne eine deutliche Spur sanfter Ironie, den Hillbillie-Lifestyle bibel­treuer, waffenstarrender Rednecks glorifizieren, die in heruntergekommenen, von rostenden Pickups umlagerten Anwesen hinter einem Kornfeld leben. Aber die Stadt, in der solche Songs produziert werden, hat ein für den Süden durchaus liberales Flair, mit viel Kunst und sogar der landes­typischen Alternativkultur mit ihren kleinen Hang-Outs und Plattenläden. Seit der Zeit des Wiederaufbaus nach dem amerikanischen Bürgerkrieg wählt Nashville konsequent demokratisch. Was wiederum nicht bedeutet, dass die Stadt deshalb schon immer liberal war, denn derzeit waren die Demokraten noch die Partei enteigneter Sklavenhalter. Erst im Verlauf des 20. Jahrhunderts wurden die Demokraten zunehmend die Partei der Staatsinterventionisten und später der Bürgerrechtler. Und das alles ist Country – so eingängig, ambivalent und liebenswert wie die Stadt, die das Genre geschaffen und geprägt hat.

Unter dem Titel Way out here ist dieser Artikel zuerst erschienen in der Jungle World Nr. 5 vom 31. Januar 2013.

Published on April 05, 2013

Last updated on January 16, 2020

Biography

Carl Melchers lebt als Journalist und freier Autor in Berlin. Er promoviert außerdem in Politikwissenschaft und lehrt sporadisch an der Freien Universität Berlin.

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