Big Freedia-Clubnacht im Bonsoir am 4. Norient Musikfilm Festival (photo: Karin Scheidegger)

Bootydance mit der Königin

Bounce ist Anfang der Neunziger in den Arbeitervierteln von New Orleans entstanden und seit dem eng mit dem hinternbetonten Tanz Twerking verbunden. Versehen mit dem Label «Sissy Bounce» hat Big Freedia Queen Diva die lokale Kultur in die Welt getragen – und wurde dabei oft missverstanden. Aus dem zweiten Norient-Buch Seismographic Sounds (Info und Bestellmöglichkeit hier).

Big Freedia bereit für ihren Auftritt im Berner Club Bonsoir (photo: Karin Scheidegger)

«Das Wort ‹Sissy Bounce› gibt es nicht» stellt Big Freedia am Norient Musikfilm Festival 2013 gleich mal klar. Mit einer Engelsgeduld erklärt er wohl zum hundertsten Mal, dass er es absurd findet, wenn seine Homosexualität ein Genre definiert: «Alles ist Bounce. Wir machen da keinen Unterschied, weder bei der Musik, noch bei den Rappern, auch nicht beim Publikum. Bounce ist ein grosses Becken, in das alles hineinpasst.» 2010, als schwule Bounce-Performer begannen, an der West- und Ostküste der USA aufzutreten, hat die Musikjournalistin und Bounce-Expertin Alison Fensterstock den Begriff «Sissy Bounce» geprägt.1 Er verweist auf eine wilde Show mit Crossdressing und und p—y-popping – einem exzessiven, als «Twerking» bekannt gewordenen Tanz, dessen Dreh-und Angelpunkt vor allem ein Körperteil ist: der Hintern. Doch auch wenn es im Mainstream oft so wirken mag: weder Bounce noch Twerking sind neue Undergroundbewegungen, sondern eine afroamerikanische Musik- und Tanzkultur, die seit mehr als zwanzig Jahren tief im Alltag von New Orleans verwurzelt ist. Big Freedia gehört fast seit den Anfängen dazu.

Wahrscheinlich ist Bounce nur anhand der rauschhaften Parties zu begreifen. Wie sie ablaufen, sieht man in der TV-Dokuserie «Big Freedia – Queen of Bounce»: Im spärlichen Diskolicht schütteln mehrheitlich Frauen in knappen Hosen hyperaktiv ihren Hintern um die Wette, mal mit den Händen auf dem Boden, mal während sie orgiastisch über- und untereinander wippen, im Ausfallschritt oder im Kopfstand. Big Freedia heizt ein mit eingängigen Satzfetzen: «Azz everywhere, azz everywhere», «Step into the ring» oder «Make yo’ booty go!» Sie erinnern an den Call-and-Response-Stil der Mardi Gras Indians in New Orleans und sind der Treibstoff der Shows, erzählt er: «Wenn das Publikum meine Songs genau kennt und die Lines erwidert, kann sich das Konzert auf ein unglaubliches Energielevel hochschaukeln.» Dazu tragen auch die energetischen Up-Tempo-Beats der Bounce-Musik bei. Vielleicht setzen sie sich im Ohr und in jeder Muskelfaser gerade deshalb so gut fest, weil ihre Bestandteile minimalistisch sind:«Meistens samplen wir den Triggaman-Beat aus dem Song Drag Rap der Showboys oder den Brown Beat aus Derek B.s Rock The Beat, variieren einige Akkorde, verdoppeln und beschleunigen sie mit Beats aus dem Drumcomputer.»

Wahlverwandtschaften und Wendepunkte

Onstage ist Big Freedia die zügellose Rampensau. Offstage ist der 34-jährige Freddie Ross – ein gelernter Innenarchitekt – eher introvertiert. Dass er das Zeug zum Entertainer hat, entdeckte er in der High School: als Cheerleader und Dirigent des Schulchores. 1997 stand er dann mit der Transgender-Bounce-Pionierin Katey Red auf den Bühnen der Sportbars von New Orleans. Er tanzte für sie, sang die Background-Vocals und wurde als ihr Protegé in die Bounce-Welt eingeführt.

2005 kam der Wendepunkt: «Nach dem Hurricane Katrina war die Bounce-Szene auf der ganzen Welt zerstreut. Das war für mich ein Türöffner, um aus der Stadt herauszukommen und zu merken, dass Bounce auch woanders funktioniert.» Freedia ging ausgerechnet ins konservative Texas und brachte den Leuten dort das twerken bei. Während New Orleans noch vollkommen zerstört war, rief der Manager vom Nachtclub Caesar’s an: Er wolle seinen Club wieder eröffnen und brauche dafür Big Freedias Anziehungskraft. So entstanden die FEMA Fridays (FEMA = Federal Emergency Management Agency), sie gaben Bounce neuen Schwung: «Die Leute hatten Geld von den staatlichen Katrina-Schecks und waren hungrig nach Bounce, den sie lange nicht mehr gehört hatten. Die Lebensfreude im Club war unglaublich», sagt Freedia. Renee Moncada, Freddies Managerin, spricht vom Zauber dieser Shows: «Sobald Big Freedia die Bühne betrat, vergassen die Leute ihre Probleme, ihren Alltag.»

Trainerin Big Freedia beim Bounce-Tanzkurs im Berner Club Bonsoir (photo: Karin Scheidegger)

New Orleans – ein tolerantes Pflaster?

Die Selbstverständlichkeit, mit der schwule Rapper zur Bounce-Szene gehören und sie prägen, sieht Alison Fensterstock in der ortsspezifischen Mentalität. Offene Homosexualität und Crossdressing hätten in New Orleans schon seit den 1940er Jahren Tradition. Von Travestie-Clubs über Drag-Kostümbälle an Halloween bis zum Karneval: In New Orleans wurde und wird mit Identitäten und Genderperformances locker umgegangen. Im armen Viertel Gretna auf der Südseite des Mississippi war es dennoch alles andere als einfach, sich als schwuler Musiker zu etablieren, erzählt Big Freedia: «Als ich am Anfang mit Katey Red auftrat, war das ziemlich provokativ. Über die Jahre hat sich aber der Umgang verändert. Mit unserer dauerhaften Präsenz haben wir den Weg für mehr Offenheit geebnet.»

Diese Offenheit scheint sich indes nicht durchweg an die jüngere Bounce-Generation zu vererben. Mr. Ghetto, mit dem Freedia gelegentlich auftritt, versprüht eher Mackertum und macht auch vor homophoben Äusserungen nicht Halt. Seine Bootydancers wirken wie Sexobjekte. Big Freedia Tänzerinnen hingegen strahlen sexuelle Selbstbestimmung aus. Das überträgt sich auch auf den Club: Wenn ein Mann im Publikum übergriffig wird, stoppt Freedia die Musik und mahnt zum Abstand-Halten ins Mikro: «Give my dancers 50 feet!» Im Club also: Selbstermächtigung. In den Mainstream-Medien aber wird Twerking oft als hypersexuell abgewertet – ein Image, zu dem auch Musikerinnen wie Miley Cyrus beigetragen haben. Mit ihrem Bounce-Verweis und «Twerk-Versuch» – wie Big Freedia es nennt – an den MTV Music Video Awards 2013 hat sie einen Hype ausgelöst. Seit dem erfüllt Twerking, was der Bauchtanz vorher erfüllte: die Sehnsucht weisser Mittelklasse-Städter nach Exotik und Erotik. Big Freedia hat nichts gegen diese Wahrnehmung, aber ärgert sich über die Lorbeeren, die Cyrus für einen afroamerikanischen Tanz erhält, ohne ihn richtig zu beherrschen, erklärt er in einem Fernseh-Interview.

Renee Moncada am 4. Norient Musikfilm Festival 2013 (photo: Karin Scheidegger)

Beim Tanzkurs am Norient Musikfilm Festival in Bern wird schnell klar: Zu schnellem Bounce twerken ist verdammt kompliziert und braucht Technik, Training und Kondition. Big Freedia ist in einen blauen Jogginganzug geschlüpft und gibt Anweisungen wie ein Sportlehrer: «Nicht so steif in den Hüften! Hol die Kraft aus dem Rücken! Mehr Arschkontrolle!» Und während er am Ende der Lektion seine «booty-certified»-Hot-Pants verkauft, bemerkt er, dass die Kombination aus Bounce und Twerking doch vor allem ein Befreiungsakt ist: «Die Leute sollen tun, wonach sie sich fühlen. Alle sollen den Club mit einem Lächeln verlassen.»

  • 1. Im Slang von New Orleans werden Schwule abwertend als «Punk» oder «Sissy» bezeichnet. «Sissy» («Sister») verweist auf einen Mann, der nach traditionellem Rollenverständnis als schwach gilt. Durch schwule Bounce-Performer erfährt der Begriff eine positive Umdeutung.

Published on June 13, 2013

Last updated on March 29, 2020

Biography

Theresa Beyer gehört seit 2011 als Editorin, Kuratorin und Mitherausgeberin des Buches «Seismographic Sounds – Visions of a New World» zum Kernteam von Norient und beschäftigt sich mit Themen wie Queeren Musikkulturen, experimenteller Musik in Städten wie Belgrad oder Neu Delhi, und reflektiert in Vorträgen über die Chancen des multilokalen Kuratierens. Neben ihrer Norient-Identität ist sie Musikredaktorin bei Radio SRF 2 Kultur.
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