Arabesk-Gräben in der Türkei.

Arabesk-Gräben in der Türkei

Musik ist nicht einfach Musik. Sie steht und entsteht in enger Wechselwirkung mit gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen. Dies gilt besonders für die moderne Türkei, die sich seit hundert Jahren an den Gegensätzen von Ost und West reibt. Selbst der aktuelle Machtkampf zwischen der moderat islamischen Machtelite und den säkularen Kemalisten spiegelt sich in der globalisierten Musikszene des Landes.

«Woher kommst du?» fragen Einheimische in aller Welt Besucher aus der Fremde. In den Gecekondus, den über Nacht illegal erstellten Siedlungen an den Rändern von Istanbul, Ankara und Izmir fragen Türken andere Türken: «Woher kommst du?» Denn kaum einer stammt aus der Stadt selbst, alle sind sie zugewandert aus Anatolien oder der Schwarzmeerregion, auf der Flucht vor Armut und Krieg. Ein Fremder ist, wer nicht aus demselben Dorf kommt. Zugehörigkeit und Solidarität besteht nur zwischen Menschen mit gleicher Herkunft. Bei diesen Landflüchtlingen in den Slums an den Rändern der türkischen Megastädte ist seit den 1960er-Jahren Arabesk entstanden, eine Mischung aus arabischem Schlager und türkischer Volksmusik, gesungen voller Herzschmerz und unterlegt von Streicherarrangements. «Die Texte handeln von Schicksalsergebenheit, Einsamkeit, Schmerz und Verzweifelung, ohne aber klare Aussagen zu haben. Daher konnte jeder seine persönlichen Leiden hineinlesen», sagt Martin Greve, deutscher Musikethnologe und Spezialist für Musik in der Türkei. Arabesk war die Musik der einfachen Leute und der aufstrebenden Mittelschicht der Migranten. Sie wurde auf Cassetten verbreitet und oft in den Minibussen gespielt, was ihr auch die Bezeichnung Minibus-Musik einbrachte. Die intellektuellen Eliten und die Kemalisten lehnten Arabesk ab, und in den staatlichen Medien war diese Musik jahrelang verboten, weil sie «die Moral der Bevölkerung zersetze». Erst nach 1980 habe der damalige Ministerpräsident Turgut Özal Arabesk rehabilitiert und für seine politischen Kampagnen genutzt, sagt Greve. «Arabesk wurde die eigentliche Popmusik, kommerziell und damit auch politisch relevant. Selbst politische Liedermacher liessen sich von dieser Musik beeinflussen.»

Die Polemik des Konzertpianisten

Arabesk Kassetten.

Heute haftet dieser Musik, die unter der Welle der westlichen Popmusik nicht etwa ertrank, sondern diese integrierte, das Image des Rührseligen, Kitschigen und Rückständigen an. Die Türkei versteht sich seit hundert Jahren als westliches Land. Ihre Musikerinnen und Musiker tauschen sich mit Kollegen aus aller Welt aus, viele von ihnen studieren in Europa. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts wird an türkischen Konservatorien nach europäischen Lehrmethoden unterrichtet und musiziert. Aus diesen Kreisen der Kunstmusik schlägt der Arabesk-Musik nur Verachtung entgegen. Erst vor wenigen Monaten hat Fazil Say, international renommierter Komponist und Konzertpianist mit einer Polemik gegen die Arabesk-Musik eine Debatte losgetreten, die gesellschaftliche und politische Gräben in der Türkei bloss legt. Auf seiner Facebook-Seite nannte Say Arabesk eine «Last für Intellektualität, Modernität, Führungskraft und Kunst» und schrieb: «Ich schäme, schäme, schäme mich für das Arabesk-Proletentum beim türkischen Volk.» In einem Zeitungsinterview sagte er später, Arabesk stehe für einen «Geist des Niedergangs». Diese Provokation liessen die Arabesk-Anhänger nicht auf sich sitzen. Sie nannten den Musiker krank und einen Faschisten. Fazil Say ist ein überzeugter Anhänger von Kemal Atatürk, dem Gründer der modernen Türkei und repräsentiert die säkular-kemalistischen Eliten. Seit dem Wahlsieg der religiös-konservativen Regierungspartei AKP von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan im Jahr 2003 verlieren die Kemalisten immer mehr an Boden. Sie fürchten, dass die anatolische, fromm-konservative Mittelschicht die türkische Republik islamisieren wolle. Der Musikethnologe Martin Greve relativiert die Bedeutung dieser Debatte. Fazil Say stehe zwar politisch eher links und könne sich auch differenzierter ausdrücken, aber hier komme ein elitäres Überlegenheitsgefühl zum Ausdruck: «Ein Konzertpianist wettert gegen eine einfache Unterhaltungsmusik.»

Fundamentalisten auf allen Seiten

Dem türkischen Nobelpreisträger Orhan Pamuk ist die Verschmelzung von östlicher Tradition und westlicher Moderne auf faszinierende Weise gelungen. Aufgewachsen in einer säkularen Familie der Istanbuler Oberschicht, die die Türkei als einen Teil Europas sah, war ihm die westliche Kultur von Kindheit an vertraut. «Religion schien mir damals eine Beschäftigung für arme Leute», sagt er im Interview. Erst im Alter von 35 Jahren begann er, die östliche und islamische Tradition und Kultur zu erforschen. «Eine traditionelle und daneben eine erworbene Kultur zu haben ist notwendig für die künstlerische Tätigkeit», sagt Pamuk. Doch gebe es überall Fundamentalisten, die nur eine einzige und einheitliche Kultur gelten lassen wollen, kritisiert er: «Es gibt auch säkulare Fundamentalisten, die nichts ertragen können, was mit Religion, islamischem Mystizismus oder Tradition zu tun hat.» Tatsächlich haben sich die Kulturen längst vermischt, und zwar in allen Bereichen des türkischen Musiklebens, wie Martin Greve ausführt: «Es gibt keine Musik ohne solche Mischung. Was anscheinend ‹traditionell› ist, ist fast immer ebenso westlich beeinflusst wie alles andere, nur merkt man es erst auf den zweiten Blick.» Sei es der türkische Rockmusiker Erkem Koray, der junge Rapper Ceza, die kurdische Sängerin Aynur oder Sezen Aksu, die seit Jahrzehnten erfolgreich Pop mit klassischer türkischer Musik verbindet, die Klangwelten entwickeln sich nicht im Glashaus, sondern im aktiven Austausch mit anderen Strömungen. In der Türkei gibt es sogar Muezzine, die ihren Ruf zum Gebet als Gesang verstehen. Für Fundamentalisten ist dies Gotteslästerung. Aber Fundamentalisten gibt es überall.

ARABESK.

Dieser Text ist auch erschienen in der Wochenzeitung WOZ, am 13.1.2011

Published on January 31, 2011

Last updated on January 20, 2020

Biography

Susanne Schanda ist freie Journalistin mit Schwerpunkt Naher und Mittlerer Osten und Schnittstellen zwischen den Kulturen. 1960 in Geldrop (Niederlande) geboren, aufgewachsen in der Schweiz, lebt sie heute in Bern. Nach dem Studium der Literaturwissenschaft und Philosophie vorerst Literatur- und Theaterkritikerin für verschiedene Schweizer Zeitungen, dann Kultur- und später Auslandredaktorin. Seit den 1990er Jahren Beschäftigung mit der arabischen Sprache, Kultur und Gesellschaft und ausgedehnte Reisen im Nahen und Mittleren Osten.

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