Goran Bregovic.

«Musik ist ein freies Gut»

Wir schreiben das Jahr 2004. Goran Bregovic tourt durch die Schweiz. Im Ausland feiert der ex-jugoslawische Rockstar und Filmmusikkomponist Erfolge, in seiner Heimat ist er höchst umstritten. Ein Besuch in Belgrad.

Mit einem alten Taxi gehts in Belgrads Villenviertel Dedinje. An einem kleinen Strässchen, hinter einer hohen Mauer, in einem grossen Haus lebt Goran Bregovic. Ein Trabi und ein Lada stehen im Innenhof, von weitem winkt schon der Hausherr.

1950 als Kind einer serbischen Mutter und eines kroatischen Vaters in Sarajevo geboren, tourte Bregovic als Rockmusiker fünfzehn Jahre mit grossem Erfolg durch das damalige Jugoslawien, bevor er schliesslich mit seinen Filmmusiken zu den Emir-Kusturica-Filmen «Time of the Gypsies», «Arizona Dream» und «Underground» internationalen Ruhm erlangte – und viel Geld verdiente.

«Zu oft im Underground»

Bregovic plaudert am Telefon und lädt mit einem Lächeln ins Wohnzimmer: hundert Quadratmeter mindestens, Riemenboden, eine gigantische Fensterfront, sparsame Einrichtung, Sofa plus Arbeitspult – mit Fernsicht auf Trabi und Lada. Bregovic, eingetreten, fängt den Blick seines Gastes auf: «Von diesem Tisch aus kann ich Gesang und Gitarre einspielen. So brauche ich nicht mehr ins Aufnahmestudio im Keller des Hauses zu gehen. Ich war in meinem Leben schon zu oft im Untergrund – jetzt produziere ich lieber von meinem ‹Aquarium› aus, mit Blick auf den Garten», sagt er und offeriert Tee.

Auch wenn er mit seiner Familie in Paris lebe, komme er immer wieder nach Belgrad: «Als Balkan-Komponist brauche ich diese verrückte Stadt, die seit Jahrhunderten zwischen Enthusiasmus und Enttäuschung hin und her pendelt. Und die jetzt nach den jüngsten Wahlen und mit der wirtschaftlichen Krise wieder einmal hundert Jahre hinter Europa zurückliegt.» In Belgrad tanze man auch mal zu Siebenachtel- und Dreizehner-Zyklen und nicht bloss im Drei- oder Viervierteltakt. Darum gefällt es Bregovic hier. Und während er in Paris andauernd ausgehe, lebe er in Belgrad zurückgezogen und spiele höchstens mal mit Freunden Fussball.

Goran Bregovic.

Schuld an den Klischees?

Viele serbische Musiker sind auf Goran Bregovic schlecht zu sprechen. Leute aus der unabhängigen Belgrader Rock- und Elektro-Szene werfen ihm und seinem früheren Partner und heutigen Erzfeind Kusturica vor, Europa mit Balkan-Klischees zu füttern. In der Folge hätten heute nur noch jene Bands Exportchancen, die ihre Musik mit ethnischen Einflüssen dekorierten. Roma-Musiker, etwa Olah Vince in Novi Sad, kritisieren, dass Bregovic überhaupt nie mit Roma-Musikern gespielt habe, obwohl er dies immer wieder behaupte: «Schon als Rockmusiker hat Bregovic Popsongs aus dem Westen und Osten kopiert. Und jetzt klaut er unsere Musik und verdient im Ausland viel Geld mit ihr», ärgert sich Vince: «Wir hingegen dürfen als Musiker höchstens mal in Restaurants dienen. Die Serben mögen uns Roma nicht. Ich sehe für die nächsten tausend Jahre schwarz.» Sarkastische Witze über die Situation der Roma auf dem Balkan kommen immer wieder über Vinces Lippen. Mitlachen mag man kaum.

Bregovic weiss, dass er kritisiert wird. Seit jeher würde von Komponisten behauptet, sie hätten von anderen gestohlen, sagt er: «Man wird doch andauernd von irgendwelcher Musik inspiriert. Musik ist ein freies Gut, ein Geben und Nehmen. Eigentlich habe ich das Gefühl, den Roma zu helfen, wenn ich ihre Musik promote. So in der Art eines Robin Hood. Und überhaupt: Ich habe einige der bekanntesten Gypsy-Lieder der Region komponiert.» Auf die Frage, wie er denn den musikalischen Input verarbeite, den er auf dem Balkan zu hören bekomme, reagiert er etwas genervt: «Ich bin Komponist. Ich bin nicht Peter Gabriel, der herumreist, um in aller Welt Musik einzufangen.»

«Ich bin nicht Peter Gabriel»: Goran Bregovic.

Mix aus Kitsch und Punk

In der Schweiz tritt Bregovic mit vierzig Musikern auf: mit einer Gypsy-Brass-Band, den Bulgarian Voices und dem St. George String Orchestra. Gehen bei so vielen Musikern nicht die Energie und Improvisationsfreude flöten, mit der sich Bregovic in seinen Gypsy-Filmmusiken immer ausgezeichnet hat? «Ich arbeite heute mal als Rockmusiker, mal als Komponist. Ich mag diesen Mix aus Kitsch und dem wilden, punkigen Sound der Roma-Blaskapellen», antwortet Bregovic und fügt bei: «Die jungen Musiker hier reagieren richtiggehend paranoid auf Kitsch. Vielleicht, weil sie sich von der Turbo-Folk-Musik abgrenzen wollen.»

Turbo-Folk, das ist jene serbische Populärmusik, die als der Soundtrack für die Milosevic-Jahre gilt und weitherum diskreditiert ist. «Dabei ist Turbo-Folk Spasskultur», sagt Bregovic. «Nicht mehr und nicht weniger. Wenn du in Belgrad so richtig feiern willst, musst du in die Clubs und Partyschiffe des Turbo Folk gehen.» Bregovic lehnt sich im Sofa zurück. In Kürze werde in verschiedenen Opernhäusern Italiens seine erste Gypsy-Oper zur Aufführung kommen, schwärmt er. «Das lustige Zigeunerleben geht weiter für diesen aussergewöhnlichen Komponisten», steht auf Bregovics Homepage zu lesen. Ist das Zigeunerleben auf dem Balkan denn lustig? Bregovic überlegt kurz: «Die Roma haben es sehr schwer hier, aber ich höre sie nie jammern. In meinem Tross sind die Roma immer die Stimmungsmacher.»

Verabschiedung. Am Trabi vorbei zum Tor. Dann vom kleinen Strässchen in die Hauptstrasse. Der Besucher winkt ein klappriges Taxi herbei und fährt ins Stadtzentrum. Etwas verunsichert – wird Bregovic in der Schweiz musikalisch wieder überzeugen? Sein Schweizer Publikum hat er schon öfter zu Begeisterungsstürmen hingerissen. Wahrscheinlich hat er international auch schon einiges für die Roma-Musik bewirkt. Und mit Copyrights nehmen es auf dem Balkan auch andere nicht so genau.

Published on November 18, 2005

Last updated on January 17, 2020

Biography

Thomas Burkhalter is an ethnomusicologist and cultural producer from Switzerland. He is the founder and director of Norient – Performing Music Research (norient.com), and artistic director of the Norient Film Festival. Recent main projects include the documentary film «Contradict» (2019), the AV/theatre/dance performance «Clash of Gods» (2018), and the re-launch of Norient (2019). He published the book «Local Music Scenes and Globalization: Transnational Platforms in Beirut» (Routledge), and co-edited «The Arab Avant Garde: Musical Innovation in the Middle East» (Wesleyan University Press).
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