Simon Küffer alias Tommy Vercetti in Zürich 2017 (photo: Ursula Häne)

Warum Folklore verführerisch ist

Simon Küffer alias Tommy Vercetti ist einer der wichtigsten Schweizer Rapper. Seine sozialkritischen Texte gehen einher mit seinem politischen Engagement als bekennender Marxist. Folkloristisches Lokalkolorit findet er widerlich.

[David Hunziker]: Tommy Vercetti, wieso ist es Ihnen wichtig, auf Schweizerdeutsch zu rappen?

[Tommy Vercetti]: Es gibt verschiedene Gründe. Zuerst einmal ganz pragmatisch: Wenn du rappen lernst, dann am besten so, wie dir der Schnabel gewachsen ist. Das hat mit Koordination, Sprachgefühl und Slang zu tun. Und das Zweite: Hochdeutsch ist, zugespitzt gesagt, für uns eine Fremdsprache. Es kommt mir nicht flüssig über die Zunge.

[DH]: Limitiert das Schweizerdeutsche auch?

[TV]: Nicht direkt. Aber es schwingt bei mir oft eine Trauer mit, dass meine Texte nur in einem sehr kleinen Gebiet verstanden werden. Auch deshalb habe ich mir schon überlegt, das Medium zu wechseln und Bücher zu schreiben.

[DH]: Die Frage ist auch ökonomisch relevant. Aus Anlass des Todes von Polo Hofer wurde neulich diskutiert, ob Musik in Mundart als Geschäftsmodell ausstirbt, weil Plattenverkäufe zurückgehen und der hiesige Konzertmarkt klein ist.

[TV]: Ja, für Mundartmusiker geht es ums Überleben. Aber ich fände es schade, wenn es weniger Musik in Mundart gäbe. Das hat nichts mit Nationalismus zu tun, aber es ist eine lebende Sprache, die sich auch musikalisch ausdrücken will. Gerade im Rap, wo die individuelle Lebenssituation und damit auch die darin gesprochene Sprache eine entscheidende Rolle spielen.

[DH]: Aber mit dieser Authentizität hat die Schweizer Musikszene ja auch ein Problem. Wieso ist ein Grossteil davon irrelevante Folklore?

[TV]: Weil das leider kommerziell funktioniert. Aber ich stelle mir diese Frage auch, nicht nur in Bezug auf die Musik: Wieso immer dieses Lokalkolorit? Man kann doch genauso über globalisierte Lebensrealitäten in Bern sprechen wie anderswo auch.

[DH]: Jedoch: Wenn du eine Strassenszene in London auf dein Plattencover druckst oder ein Rapvideo im kalifornischen Compton drehst, scheint das einfacher global anschlussfähig zu sein, weil das schon ikonische Orte sind. Fehlt vielleicht auch eine Tradition, an die man anschliessen kann?

[TV]: Die Frage ist, wann Tradition ideologisch wird. Wenn Bligg zum Beispiel Handörgeli und Sennechutteli auf die Bühne bringt, hat das ziemlich sicher nichts mit seiner Zürcher Lebensrealität zu tun – es ist ein nationalistisches Konstrukt. Compton ist ein gutes Beispiel: Das ist ja einer der Orte, die von der offiziellen Geschichtsschreibung ursprünglich gerade nicht nach aussen gekehrt, sondern im Gegenteil verdrängt wurden.

[DH]: Was wäre ein Schweizer Pendant dazu?

[TV]: Bümpliz.

[DH]: Sie haben dort ein Video gedreht.

[TV]: Genau, vor dem Kebabladen von Umut. Das ist ein super Beispiel: Lokalkolorit, mit dem ich kein Problem habe.

[DH]: Aber dann ist es doch kein Kolorit, sondern einfach lokal.

[TV]: Es gibt zwei Prozesse, wie Orte eine Bedeutung erhalten können. Man kann das mit dem Mythenbegriff von Roland Barthes erklären. Compton war einmal schlicht eine Lebensrealität. Unter anderem durch Rapper wie N.W.A wurde der Ort in einem subversiven Akt an die Weltöffentlichkeit gebracht, dann kippt es, und er wird zu einem leeren Zeichen. Touristische Orte bestehen fast nur noch als Zeichen: Das Chalet ist da für die japanischen Touristen, aber es lebt niemand mehr darin. Diesem Prozess ist potenziell alles unterworfen, auch der Kebabladen in Bümpliz.

[DH]: Wieso überhaupt diese Schablonen?

[TV]: Folklore ist verführerisch. Oft kommt bei «schweizerisch» sogar einem liberalen Linken noch ein Chalet in den Sinn. Das widert mich an. Diese Tendenz gibt es sogar bei guten Rappern: Man fühlt sich besonders authentisch, wenn man ein altes Dialektwort verwendet, das nur noch der Grossmutter geläufig ist.

[DH]: Was halten Sie von Anglizismen?

[TV]: Was bei der Kritik daran immer unterschlagen wird: dass diese Begriffe ja neue Bedeutungsebenen einführen. Ein schönes Beispiel ist «chillen». Es gibt schlicht kein deutsches Äquivalent dafür. «Ich habe mich zu Hause gemütlich hingelegt» oder «rumhängen» treffen es eben nicht.

[DH]: Geht es Ihnen auch darum, alltägliche Sprache quasi literarisch zu adeln?

[TV]: Ja, das spielt eine Rolle. Aber es muss nicht gleich hohe Literatur sein, nur schon eine faire Beachtung wäre schön. Ich glaube, der Rap wird erst noch richtig entdeckt. Aber die Bedingung dafür wäre, dass die gesellschaftlichen Konflikte, die sich darin spiegeln, beigelegt sind.

[DH]: Kann man das noch behaupten, wenn die Alben von Kendrick Lamar zu den besten des Jahres gewählt werden?

[TV]: Lamar ist ein Feuilletonliebling, die gab es immer. Das hat auch damit zu tun, dass seine Musik etwa mit Jazz hochkulturell aufgeputzt ist. In der Breite ist Rap immer noch zu belastet, es geht dabei noch zu direkt um politische Konflikte. Mit der Auflösung solcher Konflikte verliert Kunst ihre Brisanz, dafür darf sie ins Museum. Dieser Prozess ist durch ihre ganze Geschichte hindurch zu beobachten.

Dieser Text erschien zuerst in der Schweizer Wochenzeitung WOZ, in der Ausgabe Nr. 35/2017 am 31. August 2017.

Published on November 20, 2017

Last updated on January 18, 2020

Biography

David Hunziker ist freischaffender Journalist und Texter. Er studierte Philosophie und Kulturanalyse an der Uni Zürich und schloss ab mit einer Arbeit zum norwegischen Black Metal. Mit «Alpkvlt» gründete er 2016 ein Onlinemagazin, das sich ausschliesslich dem Metal widmet. Für die Wochenzeitung WOZ schreibt er regelmässig über Pop und andere kulturelle Themen.

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