La Cherga

Frischer Wind für den Balkan-Brass

Blechbläser des Balkans haben in den letzten Jahren viel Erfolg in Europa gehabt. Nun profiliert sich eine neue Generation und schafft mit neuen Anklängen und Rhythmen einen eigenen Sound.

Fanfare Ciocarlia oder Boban Markovic heissen die Grossmeister des traditionellen Balkan-Brass. Mit Unmengen an Bläsern, stakkatoartigem Tempo und grossartigen Melodien haben sich die Bands aus Rumänien und Serbien einen internationalen Ruf als Könige dieser Musik erspielt. Doch die jüngere Generation - mit Bands wie Va Fan Fahre, Fanfara Kalashnikov, La Brass Banda oder Baba Zula - ist nicht untätig und hat dem Sound der Väter ein paar neue Anklänge untergejubelt.

Bestes Beispiel für die Erneuerung des traditionellen Balkan-Beat ist La Cherga. Die Band des kroatischen Electro-Tüftlers Nevenko Bucan und des bosnischen Gitarristen Muamar Gazibegovic entstand im Exil. In Graz liefen sich die Musiker über den Weg und gründeten das Musikprojekt mit dem treffenden Namen: «Flickenteppich» heisst La Cherga. Und so vielfältig wie ein Flickenteppich ist der Sound dieser Balkan-Virtuosen, die die Tradition mit einer Portion Reggae, Drum'n'Bass and Dancehall auffrischen.

Bucan ist ein erklärter Freund jamaicanischer Beats. Für das gerade erschienene zweite Album «Revolve» hat er deshalb die Band komplett umgekrempelt. Mit Jeremy Ashbourne stiess ein jamaicanischer Schlagzeuger zu La Cherga, mit Adisa Zvekic übernahm eine neue Sängerin das Mikrofon. Eine markante Veränderung, denn im Vergleich zum Debüt «Fake no More» rollen nun mehr fette Vibes aus den Boxen. «Dub meets Balkan», könnte das Motto sein. Allerdings haben Bucan und seine Mitstreiter mehr zu bieten als tiefe Bässe und charakteristische jamaicanische und südosteuropäische Bläser-Sets. Auch Funk, Soul und Electro ist aus dem klingenden Patchwork herauszuhören.

Die internationale Mischung passt zu einem Band-Projekt, das quasi ein Produkt der Migration ist. Bucan hat den Balkan aufgrund der militärischen Konflikte verlassen. Dasselbe gilt für den Gitarristen Gazibegovic. Und in Graz hat sich ihre Kapelle der Gestrandeten formiert, um die musikalischen Roots neu zu interpretieren. Das funktioniert bestens, wie Stücke wie «Melaha» oder «Rise up» zeigen. Hier verschmelzen orientalische mit karibischen Beats. Den Appell «Move your Ass», der auf dem ersten Album «Fake no More» prangte, können sich die Musiker um Nevenko Bucan sparen. Sie haben den Balkan-Brass um eine neue Facette bereichert und gezeigt, wie frisch diese Musik klingen kann.

 

Die CD

La Cherga: Revolve (Asphalt Tango / COD).

La Cherga.
 

Weitere «Balkan-Bands» der neueren Generation

Published on June 29, 2011

Last updated on January 15, 2020

Biography

Knut Henkel, freier Publizist mit Wohnort Hamburg ist regelmäßig in Lateinamerika unterwegs. Dort beschäftigt er sich auch mit Musik. Son, Rap und Mestizo haben es ihm angetan und überaus spannend findet er nicht nur die neuen und alten Klänge zwischen Ciudad Júarez und Feuerland, sondern auch deren Hintergründe und Entstehungsgeschichte.

All Topics